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Irak-Krise 
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Wann ist Schluss mit der Auflistung der Opfer?

Body Count in Iraq

Die "Ethik der Revolution", wie Herbert Marcuse die Berechtigung dessen, was "sein sollte, weil es Schmerz, Elend und Ungerechtigkeit verringern kann", bezeichnete, ist nicht alleine aus der Empirie zu schlussfolgern. Die Revolution selbst, die in der Überwindung des Überkommenen besteht, hebt den Maßstab auf, mit dem das etablierte Gemeinwesen "Leid und vielleicht auch Glück" aus seinem historischen Recht heraus zu messen gewohnt war. Solange der Umsturz nicht erfolgte, gilt die Rechenart des Ancien Regimes, gilt der Wert, den es dem Leben beimisst, als Maßstab, an dem sich Besseres zu messen hat.

Zu den Bedingungen unter denen diese Rechnung für den Irak aufgemacht wird, gehört, dass Menschenrechtsorganisationen seit Jahren der Zutritt ins Land verwehrt wird. Will man den Zustand im Landesinneren von außen ermessen, so ist man in der Regel auf Beweise und Dokumente angewiesen, die illegal aus dem hermetisch abgeriegelten Land gebracht wurden. Die bei der UN akkreditierte Alliance International pour la Justice (AIJ) schätzte Anfang dieses Jahres die Opfer des Baa'th-Regimes auf eine Million. Obwohl das ganze Ausmaß der Verbrechen im Irak erst nach dem Sturz Saddam Husseins bekannt werden wird, reichen die bislang vorliegenden Zahlen und Berichte aus, um die Schätzungen der AIJ für glaubwürdig zu halten.

Der UN-Sonderbeauftragte für Menschenrechte im Irak, Max van der Stoel, hatte schon 1992 erklärt, dass "die Zahl der Menschen, die unter Menschenrechtsverletzungen leiden, sicher in die Hunderttausende geht, wenn sie nicht höher ist ... Täglich sind die irakischen Bürger bedroht, ihr Leben zu verlieren. Es vergeht kaum ein Tag ohne Exekutionen." Die Situation dort sei eine "der schlimmsten seit Ende des Zweiten Weltkriegs", er wisse von mindestens hundert Einrichtungen, in denen Gefangene gefoltert und hingerichtet würden, während die irakische Regierung nur die Existenz von vier Gefängnissen zugäbe. "Das irakische Regime führt weltweit im ‚Verschwindenlassen'. Mehr als 200.000 ‚Verschwundene' sind bekannt, davon 182.000 Kurden während der Anfal Operation (1988), 8000 Barzan-Kurden ... vom Sommer 1983, 8000 Feyli-Kurden im April 1980 und Tausende von arabischen Irakis" ("Report of the United Nations Special Rapporteur on Iraq":E/CN.4/1994/58).

Nur selten tauchen die Namen ‚Verschwundenen' wieder auf, als Tote auf Hinrichtungslisten. So legte die Irakische Kommunistische Partei (ICP) im Rahmen ihrer Kampagne gegen Gefängnissäuberungen Beweise vor, dass nahezu 1000 in den achtziger Jahren ‚verschwundene' Feyli-Kurden als Versuchskaninchen für die Entwicklung biologischer und chemischer Waffen missbraucht wurden. "Seit den frühen achtziger Jahren sind Hunderttausende von Menschen im Irak ‚verschwunden' und ihr Schicksal ist bis heute unbekannt", schreibt auch Amnesty International ("AI-index": MDE 14/008/1997).

"Bei der Anfal-Kampagne 1988 melden kurdische Quellen 182.000 Opfer, die irakische Regierung gab den Tod von 100.000 zu" (Human Rights Watch).

Zwischen 7000 und 10.000 Mitglieder der Kommunistischen Partei wurden in den siebziger Jahren hingerichtet, 1000 Kuwaitis 1990, 600 gelten als verschwunden, mehr als 1000 ägyptische Leiharbeiter wurden 1988 ermordet (Indict), 5000 iranische Kriegsgefangene blieben ‚verschwunden'.

Von März 1975 bis Ende 1976 wurden 300.000 Kurden deportiert und an anderen Orten des Landes angesiedelt, 25.000 bis 30.000 in Detention Camps festgehalten, davon im Lager Diwaniya südlich von Bagdad 14.000 zu je 200 Mann in einer 4x10m großen Baracke bei hoher Sterblichkeit (ILM). Ab 1971 wurden Hunderttausende Feyli-Kurden (UNHCR), 25.000 Yesiden und 30.000 Khanakin-Kurden in den Iran vertrieben, seitdem wurden 4.049 Dörfer der Region zerstört (Helena Cook).

Während des Iran-Irak-Krieges ebneten irakische Sicherheitskräfte auch assyrische und turkmenische Dörfer ein und töteten 10.000 Assyrer (Unpo). Peter Sluglett schätzt, dass bis zu 300.000 Menschen nach den Aufständen im Südirak und der Verwüstung der Marschen umgekommen sind (Amar Appeal), auch die Republikanischen Garden rühmten sich dieser Zahl (Iraq Foundation).

Alleine zwischen Mai 1997 und Ende 2000 sind mehr als 3.000 Fälle extralegaler Exekutionen von Gefangenen namentlich bekannt geworden. An nur einem Tag im April 1998 wurden 2.000 Gefangene im berüchtigten Abu-Graib-Gefängnis exekutiert (ICP). Etwa 400.000 Menschen flohen aus dem Südirak im Laufe der neunziger Jahre durch teils schwer vermintes Gebiet in den benachbarten Iran, bei der Massenflucht von Kurden vor den Truppen des Regimes 1991 starben "mehr als 20.000 Menschen" ("Junge Welt"). Im Zeitraum zwischen Sommer 1991 und Frühjahr 1992 fielen im kurdischen Nordirak 5.594 Menschen Minen der irakischen Armee zum Opfer (Middle East Watch), noch im Jahr 2000 sind dort von der Mines Advisory Group 672 Todesfälle durch Minen registriert worden.

"Es gibt", schrieb Wolfgang Pohrt 1982, "in diesem Jahrhundert - nach Auschwitz, nach dem Archipel Gulag, nach Kambodscha und Uganda - keinen Grund, irgendeinem Regime irgendein Verbrechen nicht zuzutrauen ... Wenn ein Regime in Verdacht gerät, liegt die Beweislast beim Angeklagten." Eine Beweislast, bei der es nicht auf die Zahl der Opfer ankommt, sondern auf die Möglichkeit, den endlosen Body Count zu unterbrechen. Die Liste der irakischen Verbrechen ließe sich unschwer erweitern. Einen Sinn bekommen diese empirischen Daten erst, wenn die Möglichkeit besteht, dass sie zukünftig nicht mehr fortgeschrieben werden müssen.

Thomas von der Osten-Sacken / Thomas Uwer
aus: konkret, 1/2003

 

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