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Deutschland und Irak 
  Februar 2003kontakt@okf-sued.de

 

 
Kommentar zum deutschen Frieden

Rigoros moralisch

DGB für Frieden (klick!)

Die Ablehnung des Krieges aus Prinzip ist in Deutschland heute sehr populär. Sogar die Regierung gibt sich pazifistisch und verbreitet die geniale Parole: "Krieg ist keine Lösung."  

Über das Fernsehen und in Büchern wie Zeitschriften findet die moralisierende Abscheu vor dem Krieg auch ihren historischen Ausdruck. Es wird so getan, als sei es ein "Tabubruch" den Bombenkrieg gegen Deutschland im II.Weltkrieg ein "Verbrechen" zu nennen. Denn den Enkeln der Täter von gestern gefällt die Opferrolle besser. Die Bomben der antifaschistischen Alliierten trafen die Zivilbevölkerung, so wie der Nazikrieg und -terror Zivilisten aus ganz Europa und darüber hinaus misshandelte und ermordete. Im arischen, antisemitischen Germanenwahn ging der Sinn für die Realität von Ursache und Wirkung verloren. Das völkische Ideal überdeckte jede humane Regung, jedes Recht des Individuums. 

Der Realitätsverlust wurde nicht wettgemacht: man höre sich nur die aktuelle Diskussion über den Irak an. Der Diktator und die Ursachen des Konflikts spielen den Pazifisten keine Rolle - schlimmer noch: die Zukunft der Menschen im Irak und im arabischen Raum ist kaum eine Randnotiz wert. Über die Tatsache, dass die irakische Führung über Massenvernichtungswaffen verfügte, sie gegen die eigene Bevölkerung einsetzte, bestrebt ist sich neue zu verschaffen und beträchtliche Mengen (Tonnen) Antrax und Giftgas versteckt, darüber schweigen die Pazifisten. 

Das stereotype Dogma von der angeblich möglichen "friedlichen Lösung" wird keiner Erklärung für würdig erachtet, bleibt für sich stehend unglaubwürdig. Für die Friedfertigen ist es keine Frage des Realismus, es ist eine des Glaubens

Was bedeutet "friedliche Lösung"? Für die Friedliebenden bedeutet es simpel die Abwesenheit von Krieg. Soll doch die Bevölkerung noch zehn, zwanzig oder hundert Jahre darben, soll das Mörderregime, dass seit 1979 über eine Million Tote verschuldete, doch an der Macht bleiben, soll die Bedrohung für Israel, die Region und darüber hinaus ignoriert werden, soll das Embargo ewig weiter bestehen, sollen die Waffeninspekteure noch Jahrzehnte im Land bleiben - ist das eine Lösung? Ein schlauer bürgerlicher Kommentator fragte: Was wäre das für ein Zeichen an andere Länder, wenn sich die UNO abwendet und den Irak nicht entwaffnet? 

Nichts wäre schlimmer, als erneut die Chance auf einen demokratischen Wandel verstreichen zu lassen. Die Chance auf einen Paradigmenwandel, der die arabischen Gesellschaften hinweisen würde auf die Möglichkeit, nicht alles Böse nur in den USA und Israel zu sehen.  

Aber den Moralisten ist die Vorstellung ein Gräuel, mit der Lösung eines Problems einen Zweck zu verfolgen. Ihnen geht es um die reine Moral, den reinen idealistischen Glauben an die kollektive Identität - etwa das irakische Volk. Das dieses aus Individuen besteht, die unter der Despotie leben und leiden müssen, findet keine Beachtung. So wird im Namen der Moral die unendliche Verlängerung der Despotie in Kauf genommen. Dieselben Abwiegler, die jeden Reformismus gutheißen, fordern von den Irakern eine selbstständige Revolution - wenn sie die Frage überhaupt tangiert.

Die überhöhte, zweckfreie Moral - etwa das völkische Ideal, die völkische Selbstbestimmung - versteht sich nicht als Mittel zur gesellschaftlichen Befreiung der Individuen. Sie ist vielmehr das Produkt deutscher Ideologie und Psychohygiene. Es ist ihre ureigene Angst, die sie auf die Straße treibt, mit bewusster Politik hat das nichts zu tun. 

Islamischer Faschismus, fanatischer Antisemitismus, der sich den Tod von Juden und Amerikanern zum Ziel setzt und die Vernichtung Israels beabsichtigt, kommt im selektiven Weltbild der Moralisten nicht vor. Es sei denn als "verzweifeltes" Opfer und damit prädestiniert zum Gegenstand der Solidarität.  

Die Einigkeit der Pazifisten mit moralischem Rigorismus a la Bin Laden trifft sich mit der des Papstes. Denn zweckfreie Moral, die sich rücksichtslos gegenüber dem Leben des Individuums zeigt, findet man auch bei den Abtreibungsgegnern und Selbstmordattentätern. Sie stellen das jenseitige resp. ungeborene Leben in den Mittelpunkt. Die zweckfreie Moral der Pazifisten stellt das bloße Überleben in den Mittelpunkt, was den Menschen vom Sinn entleert. Sie beschwören Horrorszenarien, um nicht über das heutige Leben im Irak reden zu müssen.  

Ob die USA die demokratische Perspektive zusammen mit der coalition of the willing ermöglichen, ist noch nicht entschieden. Sicher aber ist, dass die bürgerliche Revolution - wie stets in der Geschichte - sich nur mit Gewalt durchsetzen lässt!  

Heribert Sommer
Redaktion
Marxistische Kritik

29.1.03

 



 

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