Philosophie: Die deutsche Ideologie
"... Diese Forderung das Bewusstsein zu verändern läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es vermittels der Interpretation anzuerkennen." (20)
"...Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst." (21)
"Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung." (35)
"Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewusstseins ist zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken, der geistige Verkehr der Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluss ihres materiellen Verhaltens. Von der geistigen Produktion, wie sie in der Sprache der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw. eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produzenten ihrer Vorstellungen, Ideen pp., aber die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen weitesten Formationen hinauf. Das Bewusstsein kann nie etwas anderes sein als das bewusste Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess. Wenn in der ganze Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie eine Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebenso sehr aus ihrem historischen Lebensprozess hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen." (26)
"Da wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen. Die Phrasen vom Bewusstsein hören auf, wirkliches Wissen muss an ihre Stelle treten. Die selbstständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium. An ihre Stelle kann höchstens eine Zusammenfassung der allgemeinsten Resultate treten, die sich aus der Betrachtung der historischen Entwicklung der Menschen abstrahieren lassen. Diese Abstraktionen haben für sich, getrennt von der wirklichen Geschichte, durchaus keinen Wert. Sie können nur dazu dienen, die Ordnung des geschichtlichen Materials zu erleichtern, die Reihenfolge seiner einzelnen Schichten anzudeuten. Sie geben aber keineswegs, wie die Philosophie, ein Rezept oder Schema, wonach die geschichtlichen Epochen zurechtgestutzt werden können. Die Schwierigkeit beginnt im Gegenteil erst da, wo man sich an die Betrachtung und Ordnung des Materials, sei es einer vergangenen Epoche oder der Gegenwart, an die Voraussetzungen bedingt, die keineswegs hier gegeben werden können, sondern die erst aus dem Studium des wirklichen Lebensprozesses und der Aktion der Individuen jeder Epoche sich ergeben. Wir nehmen hier einige dieser Abstraktionen heraus, die wir gegenüber der Ideologie gebrauchen, und werden sie an historischen Beispielen erläutern." (27)
"Die Moral, Religion, Metaphysik und sonstige Ideologie und die ihnen entsprechenden Bewusstseinsformen behalten hiermit nicht länger den Schein der Selbstständigkeit. Sie haben keine Geschichte, sie haben keine Entwicklung, sondern die ihre materielle Produktion und ihren materiellen Verkehr entwickelnden Menschen ändern mit dieser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denken und die Produkte ihres Denkens. Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein. In der ersten Betrachtungsweise geht man von dem Bewusstein als dem lebendigen Individuum aus, in der zweiten, dem wirklichen Leben entsprechenden, von den wirklichen lebendigen Individuen selbst und betrachtet das Bewusstsein nur als ihr Bewusstsein."
(26f)
(Zitate aus: MEW 3)
Politik und Geschichte: Das Manifest
I. Bourgeois und Proletarier*1
Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft*2 ist
die Geschichte von Klassenkämpfen.
Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron
und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zueinander, führten einen ununterbrochenen, bald
versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der
jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der
ganzen Gesellschaft endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.
In den früheren Epochen der Geschichte finden wir
fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im
Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen wieder besondere Abstufungen.
Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft
hervorgegangene moderne bürgerliche Gesellschaft
hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat
nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die
Stelle der alten gesetzt.
Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche
Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.
Aus den Leibeigenen des Mittelalters gingen die
Pfahlbürger der ersten Städte hervor; aus dieser Pfahlbürgerschaft entwickelten sich die ersten Elemente der
Bourgeoisie.
Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues
Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die
Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den
Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der
Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schifffahrt,
der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und
damit dem revolutionären Element in der zerfallenden
feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.
Die bisherige feudale oder zünftige Betriebsweise
der Industrie reichte nicht mehr aus für den mit
neuenA2 Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat an ihre Stelle. Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den industriellen Mittelstand; die Teilung der Arbeit zwischen den verschiedenen Korporationen verschwand vor der Teilung der Arbeit in der
einzelnen Werkstatt selbst.
Aber immer wuchsen die Märkte, immer stieg der
Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr aus.
Da revolutionierte der Dampf und die Maschinerie die
industrielle Produktion. An die Stelle der Manufaktur
trat die moderne große Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die
modernen Bourgeois.
Die große Industrie hat den Weltmarkt hergestellt,
den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schifffahrt, den Landkommunikationen eine unermessliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Maße, worin
Industrie, Handel, Schifffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Maße entwickelte sich die
Bourgeoisie, vermehrte sie ihre Kapitalien, drängte
sie alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in
den Hintergrund.
Wir sehen also, wie die moderne Bourgeoisie
selbst das Produkt eines langen Entwicklungsganges,
einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions-
und Verkehrsweise ist.
Jede dieser Entwicklungsstufen der Bourgeoisie
war begleitet von einem entsprechenden politischen
FortschrittA3. Unterdrückter Stand unter der Herrschaft der Feudalherren, bewaffnete und sich selbst
verwaltende AssoziationA4 in der Kommune3*, hier
unabhängige städtische RepublikA5, dort dritter steu-
erpflichtiger Stand der MonarchieA6, dann zur Zeit
der Manufaktur Gegengewicht gegen den Adel in der
ständischen oder in der absoluten MonarchieA7,
Hauptgrundlage der großen Monarchien überhaupt,
erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung der
großen Industrie und des Weltmarktes im modernen
Repräsentativstaat die ausschließliche politische
Herrschaft. Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.
Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst
revolutionäre Rolle gespielt.
Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen,
hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein
anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose
"bare Zahlung". Sie hat die heiligen Schauer der
frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung,
der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an
die Stelle der zahllosen verbrieften und
wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose
Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an
die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen
verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.
Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und
mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres
Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.
Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen
rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf
ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.
Die Bourgeoisie hat enthüllt, wie die brutale Kraftäußerung, die die Reaktion so sehr am Mittelalter bewundert, in der trägsten Bärenhäuterei ihre passende
Ergänzung fand. Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit der Menschen zustande bringen kann. Sie hat
ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische
Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische
Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt als
Völkerwanderungen und Kreuzzüge.
Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die
Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse
fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die
erste Existenzbedingung aller früheren industriellen
Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und
Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderenA8 aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse
mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen
und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird
entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen,
ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen
mit nüchternen Augen anzusehen.
Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren
Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die
ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.
Die Bourgeoisie hat durch ihreA9 Exploitation des
Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller
Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen
Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der
Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten
nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt
durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird, durch Indu-
strien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern
den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst,
sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse
befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer
Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie
in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen
werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und
Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und
aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.
Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unend-
lich erleichterten Kommunikationen alle, auch die
barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie,
mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund
schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass
der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle
Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich
anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehn wollen; sie
zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst
einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mit einem
Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen
Bilde.
Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der
Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen,
sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt und so
einen bedeutenden Teil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie sie das Land von
der Stadt, hat sie die barbarischen und halbbarbarischen Länder von den zivilisierten, die Bauernvölker
von den Bourgeoisvölkern, den Orient vom Okzident
abhängig gemacht.
Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum
in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige
Folge hiervon war die politische Zentralisation. Unabhängige, fast nur verbündete Provinzen mit verschiedenen Interessen, Gesetzen, Regierungen und
Zöllen wurden zusammengedrängt in eine Nation,
eine Regierung, ein Gesetz, ein nationales Klasseninteresse, eine Douanenlinie.
Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen
Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer
Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus
dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen - welches frühereA10 Jahrhundert ahnte, dass solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.
Wir haben alsoA11 gesehn: Die Produktions- und
Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Bourgeoisie heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verhältnisse, worin die feudale Gesellschaft
produzierte und austauschte, die feudale Organisation
der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort die
feudalen Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die
Produktion, statt sie zu fördern. Sie verwandelten sich
in ebenso viele Fesseln. Sie mussten gesprengt werden, sie wurden gesprengt.
An ihre Stelle trat die freie Konkurrenz mit der ihr
angemessenen gesellschaftlichen und politischen
Konstitution, mit der ökonomischen und politischen
Herrschaft der Bourgeoisklasse. ...
_________
*1Unter Bourgeoisie wird die Klasse der modernen Kapitalisten verstanden, die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind und Lohnarbeit ausnutzen. Unter Proletariat die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können.[Anmerkung von Engels zu englischen Ausgabe von 1888.]
*2Das heißt, genau gesprochen, die schriftlich überlieferte Geschichte. 1847 war die Vorgeschichte der Gesellschaft, die gesellschaftliche Organisation, die aller niedergeschriebenen Geschichte vorausging, noch so gut wie unbekannt. Seitdem hat Haxthausen das Gemeineigentum am Boden in Russland entdeckt, Maurer hat es nachgewiesen als die gesellschaftliche Grundlage wovon alle deutschen Stämmen geschichtlich ausgingen, und allmählich fand man, dass Dorfgemeinden mit gemeinsamen Bodenbesitz die Urform der Gesellschaft waren von Indien bis Irland. Schließlich wurde die innere Organisation dieser urwüchsigen kommunistischen Gesellschaft in ihrer typischen Form bloßgelegt durch Morgans krönende Entdeckung der wahren Natur der Gens und ihrer Stellung im Stamm. Mit der Auflösung dieser ursprünglichen Gemeinwesen beginnt die Spaltung der Gesellschaft in besondre und schließlich einander entgegengesetzte Klassen. [Anm. von Engels zur engl. Ausgabe von 1888 und zur dt. Ausgabe von 1890.] Ich habe versucht, diesen Auslösungsprozess in "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" zu verfolgen; zweite Auflage, Stuttgart 1886. [Anm. von Engels zur engl.Ausgabe von 1888.]
*3"Kommune" nannten sich die in Frankreich entstehenden Städte, sogar bevor sie ihren feudalen Herrn und Meistern lokale Selbstverwaltung und politische Rechte als "Dritter Stand" abzuringen vermochten. Allgemein gesprochen haben wir hierals typisches Land für die ökonomische Entwicklung der Bourgeoisie England, für ihre politische Entwicklung Frankreich angeführt.[Anm. von Engels zur engl. Ausgabe von 1888.]
So nannten die Städtebürger Italiens und Frankreichs ihr städtische Gemeinwesen, nachdem sie die ersten Selbstverwaltungsrechte ihren Feudalherren abgekauft oder abgezwungen hatten.[Anm. von Engels zur deutschen Ausgabe von 1890.]
Lesarten:
- A2: (1848, 1872, 1883) den neuen
- A3: (1888) eingefügt: dieser Klasse
- A4: (1848, 1872) Assoziationen
- A5: (1888) eingefügt: (wie in Italien und Deutschland)
- A6: (1888) eingefügt: (wie in Frankreich)
- A7: (1848) eingefügt: und
- A8: (1848, 1872, 1883) früheren
- A9: (1848) die
- A10: (1848) welch früheres
- A11: (1848) aber
[Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, S. 40-48. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2612-2620 (vgl. MEW Bd. 4, S.462-467)]
[zur Frage des Eigentums]
Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen
keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem
oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt
sind.
Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher
Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes,
einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung. Die Abschaffung bisheriger
Eigentumsverhältnisse ist nichts denA33 Kommunismus eigentümlich Bezeichnendes.
Alle Eigentumsverhältnisse waren einem beständigen geschichtlichen Wechsel, einer beständigen geschichtlichen Veränderung unterworfen.
Die Französische Revolution z.B. schaffte das Feudaleigentum zugunsten des bürgerlichen ab.
Was den Kommunismus auszeichnet, ist nicht die
Abschaffung des Eigentums überhaupt, sondern die
Abschaffung des bürgerlichen Eigentums.
Aber das moderne bürgerliche Privateigentum ist
der letzte und vollendetste Ausdruck der Erzeugung
und Aneignung der Produkte, die auf
Klassengegensätzen,A34 auf der Ausbeutung der
einenA35 durch die andernA36 beruht.
In diesem Sinn können die Kommunisten ihre
Theorie in dem einen Ausdruck: Aufhebung des Privateigentums, zusammenfassen.
Man hat uns Kommunisten vorgeworfen, wir wollten das persönlich erworbene, selbsterarbeitete Eigentum abschaffen; das Eigentum, welches die Grundlage
aller persönlichen Freiheit, Tätigkeit und Selbständigkeit bilde.
Erarbeitetes, erworbenes, selbstverdientes Eigentum! Sprecht ihr von dem kleinbürgerlichen, kleinbäuerlichen Eigentum, welches dem bürgerlichen Ei-
gentum vorherging? Wir brauchen es nicht abzuschaffen, die Entwicklung der Industrie hat es abgeschafft und schafft es täglich ab. ...
Lesarten:
- A33: (1872, 1883) dem
- A34: (1848, 1872, 1883) eingefügt: die
- A35: (1888) Mehrheit
- A36: (1888) Minderheit
[Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, S. 63-64. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2636 (vgl. MEW Bd. 4, S. 475-475)]
[Zur Familie]
Aufhebung der Familie! Selbst die Radikalsten ereifern sich über diese schändliche Absicht der Kommunisten.
Worauf beruht die gegenwärtige, die bürgerliche
Familie? Auf dem Kapital, auf dem Privaterwerb.
Vollständig entwickelt existiert sie nur für die Bourgeoisie; aber sie findet ihre Ergänzung in der erzwungenen Familienlosigkeit der Proletarier und der öffentlichen Prostitution.
Die Familie derA38 Bourgeois fällt natürlich weg
mit dem Wegfallen dieser ihrer Ergänzung, und beide
verschwinden mit dem Verschwinden des Kapitals.
Lesarten:
[Marx/Engels: Manifest der kommunistischen Partei, S. 69. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2641 (vgl. MEW Bd. 4, S. 478)]
Ökonomie: Lohn, Preis, Profit
"Die Arbeitskraft ist also eine Ware, die ihr Besitzer, der Lohnarbeiter, an das Kapital verkauft."
"Der Tauschwert einer Ware, in Geld abgeschätzt, heißt eben ihr Preis."
wird ergänzt >>> siehe: "Lohnarbeit und Kapital"
Ökonomie: Das Kapital
wird ergänzt
Philosophie: Thesen zu Ludwig Feuerbach
Bei Ludwig Feuerbach, dem Begründer des philosophischen Materialismus in Deutschland und Religionskritiker, wird der Mensch als sinnliches Wesen mit inneren religiösen Vorstellungswelten verstanden. Dieser Materialismus, der zum Menschen hinführt und ihn nicht nur als geistiges Wesen missversteht, bleibt aber beschreibend, wird nicht praktisch.
Dagegen fordert Karl Marx in den Thesen zu Feuerbach weiter gehend, dass der Materialismus als "menschliche sinnliche Tätigkeit" als Praxis aufgefasst werden muss.
Da auch die Erzieher erzogen werden müssen kann "das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit ... nur als umwälzende Praxis gefasst und rationell verstanden werden."
These 8
"Das gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus verleiten, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis."
These 9
"Das höchste, wozu der anschauende Materialismus es bringt, d.h. der Materialismus, der die Sinnlichkeit nicht als praktische Tätigkeit begreift, ist die Anschauung der einzelnen Individuen in der ‚bürgerlichen Gesellschaft'."
These 10
"Der Standpunkt des alten Materialismus ist die ‚bürgerliche' Gesellschaft; der Standpunkt des neuen, die menschliche Gesellschaft, oder die vergesellschaftete Menschheit."
These 11
"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern."
Diese Thesen - hier nur Zitate - wurden von Friedrich Engels 1888 in eine moderne sprachliche Form gebracht.
Fraglich ist, ob in These 10 die Rolle des Individuums nicht unterschwellig negiert wird. Denn auch eine menschliche Gesellschaft wird aus Individuen bestehen. Eine vergesellschaftete Menschheit, die auch das Individuum vergesellschaftet - im Sinne von: dem Kollektiv unterordnet - wäre nicht akzeptabel.
Die Gesellschaft steckt im Individuum und formt es, doch es bleibt ein Individuum, mit individuellen Zügen und das bedarf allgemeiner und individueller Achtung.
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