Die von Karl Marx und Friedrich Engels begründete Lehre vom "wissenschaftlichen Sozialismus", wie sie selbst im Gegensatz zum "utopischen Sozialismus" sagten, wurde verschiedentlich angewandt, zerfleddert und verfälscht.
Zur Zeit des Stalinismus, nach der Erstickung der Revolution in Russland, wurde ein "Marxismus-Leninismus" begründet, der absolut dogmatisch angewandt, zu einer Art Religion erstarrte.
Die schon zu Marx' Zeiten übliche Vulgarisierung, also Vereinfachung seiner Ergebnisse und Kritiken, veranlasste ihn dazu, zu sagen er selbst sei "kein Marxist".
Vom Verbrecher Stalin wurde ein Kult um Marx und Lenin verordnet, der diese gottgleich - über alle Kritik erhaben - in dem Himmel hob. Die offizielle Staatslehre wurde als "Marxismus unserer Epoche" ausgegeben. Der staatskritische, humanistische und ideologiekritische Gehalt der marxschen Schriften wurde ausgeblendet und umgelogen. Es wurde ein brutaler Kollektivismus begründet, der das Individuum negierte, es zur bedingungslosen Unterordnung verpflichtete und damit eine neue Form der Unterdrückung schuf. Partei und Staat wurden zum allmächtigen Herrschaftsapparat. Das Individuum war - wenn es sich nicht unterordnete - ausgeliefert und in den Lagern des Gulag dem Tode geweiht.
Mit Kommunismus hatte die stalinistische Unterdrückungsmaschine nichts zu tun. Unter Kommunismus wird entweder eine kommunistische Bewegung verstanden oder die kommunistische, klassenlose Gesellschaft der Zukunft. Die menschliche Urgesellschaft, die weder Familie, Privateigentum und auch keinen Staat kannte, wird als Urkommunismus bezeichnet. Die Befreiung der Menschheit besteht also darin, den Kommunismus auf neuer Stufe wieder zu erlangen und die Klassengesellschaft zu überwinden.
Marxsche Methoden und Wissenschaft
Marx sprach von seiner dialektischen Methode, die er von Hegel übernommen hatte. Es heißt, Marx hätte Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt, doch tatsächlich war es Ludwig Feuerbach. Marx, Engels und andere Linkshegelianer gingen von Feuerbachs Materialismus und Religionskritik aus und begründeten eine neue humanistische Sicht auf die Welt.
Die Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse sahen sie zuerst als eine Kritik der materiellen Eigentums- und Produktionsverhältnisse an. Im "Kapital" wird die Bedeutung von Ware, Gebrauchswert und Tauschwert herausgearbeitet.
Auf allen Gebieten der Wissenschaft können Fortschritte nur erzielt werden, wenn sie sich der marxschen Denkmethode bedienen. Nur wer die Dinge in ihrer Widersprüchlichkeit und Entwicklung sieht, ist in der Lage sie angemessen zu beschreiben und verständlich zu machen. Nur eine an der materiellen Realität orientierte Wissenschaft verspricht Erfolge, denn fiktive Thesen und spekulative Lehrsätze und Denkgebäude können sich nicht bewähren. Ursache und Wirkung, Wesen und Form, Widerspruch und Zusammenhang sind unverzichtbare dialektische Paare, die ein reales Denken erst ermöglichen.
Hinsichtlich der Geschichtswissenschaft hat sich der an der historischen Entwicklung und der materiellen Wirklichkeit orientierte Ansatz noch lange nicht durchgesetzt. Schriftgläubigkeit überwiegt und die Verbindung von Soziologie, Archäologie und Geschichte erst könnte zu einer Überwindung der gängigen Zerstückelung führen.
Abgegrenzt werden muss der Marxismus auch von der heute in der Linken weit verbreiteten ökonomistischen Auffassung von Kapitalismuskritik. Das Streben nach ökonomischen Interessen wird als an sich verwerflich definiert. Mit der marxschen Kritik der Warengesellschaft und der Kritik der Verwertung von Menschen und Dingen hat das nichts zu tun.
Die Verteufelung
Wegen seiner revolutionären Aussagen und Praxis wurde der Marxismus von Anfang an verteufelt. Im kommunistischen Manifest heißt es deshalb "Ein Gespenst geht um in Europa", was die von Beginn an internationale Wirkung dieser Gesellschaftskritik ausdrückte. Auf die Spitze trieben es die deutschen Nationalsozialisten, deren Vernichtungswillen sich u.a. gegen den "jüdisch-undeutschen" Marxismus und die Arbeiterbewegung richtete.
Die Verteufelung geschieht heute mit Bezug auf den stalinistischen Terror, der sich allerdings seine Legitimation bei Marx nicht ableiten kann. D.h. Marx lieferte eine Kritik, die zur Befreiung von Unterdrückung und Klassengesellschaft führen sollte, die Rechtfertigung neuer Unterdrückungsverhältnisse liefert Marx nur insofern, dass er sich für eine Enteignung der besitzenden Minderheit einsetzte. Diese Enteignung sollte durch eine "Diktatur des Proletariats" gesichert werden. Nach der Abschaffung des Staates sollte dann weltweit der Weg in eine klassenlose Gesellschaft beschritten werden. Hinsichtlich der Überwindung der alten kapitalistischen Produktionsverhältnisse sprach Marx von der "freien Assoziation der Produzenten", die die Warenproduktion ablösen sollten.
Der Marxismus hat seine Kanonisierung überlebt, ihn neu anzuwenden ist aber sicher keine leichte Aufgabe.
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