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Grundsatzartikel 
August 2001kontakt@okf-sued.de

 

  Philosophie und Ökonomie

Die Spekulation im Kopf und an der Börse

oder: Wie das Kapitalsystem auf dem Idealismus beruht

im Text:

Hegel und die Spekulation im Kopf

Über Theologie und Spekulation

Vom Konkreten zum Abstrakten schließen!

Die Scholastik

Glücksspiele und Nervenkitzel

Stimmungen und der Zwang des Tauschwerts

Zum Fetischcharakter der Ware

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Einleitung:

Philosophische Fragen sind Grundfragen. So grundlegend, dass sich die meisten gar nicht getrauen, sich damit zu befassen, denn die Fragen oder gar die Antworten könnten Folgen mit sich bringen oder verlangen. Philosophische Grundfragen sind: "Was ist der Mensch?" "woher kommt er und wohin geht er?" "Was können wir wissen?" "Was können wir tun?"

Ein politischer Umbruch oder besser Aufbruch in dieser kapitalistischen Gesellschaft ist unabdingbar, zwar keineswegs in Sicht, wird auf die derzeitige Stagnation folgen und bedarf grundlegender Vorbereitung, als auch philosophischer Vorarbeit.
Gerhard Branstner hat schon vor zwei Jahren eine neue Aufklärung gefordert und dazu auch ein Buch vorgelegt. Der folgende Vortrag geht nicht auf das Buch ein, aber versteht sich als ein Beitrag für eine neue Aufklärung.

Ausgegangen wird von der These, dass die Spekulation ein Wesenszug unserer Zeit ist. Es geht dann um die Kritik Ludwig Feuerbachs an der philosophischen Spekulation, die im Zentrum der Aufklärung des 19. Jhds. stand. Der große Aufklärer Feuerbach muss endlich auch so bezeichnet werden. Doch es geht nicht um Ruhm und Ehre für ihn, sondern um die Lehren, die aus seinen Schriften gezogen werden können. In diesem Vortrag beziehe ich mich u.a. auf die "Thesen zur Reformation der Philosophie", die eine Vorarbeit für die "Grundsätze der Philosophie der Zukunft" waren, auf die ich in meinem letzten Vortrag eingegangen bin. (Anm.:Dieses Referat wurde gehalten auf einer Veranstaltung des OKF Sued)

Seit der Antike, als die ersten Philosophen versuchten, den Menschen ihr Menschsein zu erklären, unterscheidet man zwei Hauptrichtungen der Philosophie:

    1) den Materialismus
    2) den Idealismus

Die Geschichte der europäischen Philosophie, von der allein hier die Rede ist, begann im antiken Griechenland mit Thales von Milet. Thales war der erste, der versuchte ein die alten Mythen ersetzendes und entgegengesetztes Weltbild zu schaffen. Er fragte nach der Urgrund und dem Werden und Vergehen aller Dinge. Den Urgrund, das Substrat aller Dinge, suchte er in der Natur, also in der materiellen Realität zu finden. Mit Thales begann die Naturphilosophie, die erste Form der materialistischen Philosophie.

Da Thales wie auch andere Naturphilosophen am Meer wohnte suchte er den Urgrund aller Dinge im Wasser und lag damit wie wir heute wissen ganz richtig. Er machte Reisen nach Ägypten und lernte die Bedeutung des Nils für den Ackerbau und das Erblühen der Landschaften kennen. Auch in religiöser Hinsicht wird Thales eine neuartige Sichtweise zugeschrieben. Er soll gesagt haben, dass alles voll von Göttern sei, was als Ausgangspunkt des Pantheismus, der alles mit Gott gleichsetzt, angesehen werden kann.

Thales Denkweise wurde von Anaximander und Anaximenes fortgeführt, die alle zur Philosophenschule von Milet gehören.

Philosophiegeschichtlich war die Formulierung idealistischer Ideologien die dialektische Antwort auf die Naturphilosophen.

Ausgeprägt wurde der Idealismus, der ein geistiges Wesen oder eine Idee als Urgrund annimmt, von Aristoteles. Aristoteles war zugleich der erste Historiker der Philosophiegeschichte, erfasste die antiken Lehren zusammen und legte dann selbst die Grundlagen für eine lange dunkle Epoche des Idealismus, anders ausgedrückt: des Christentums. Der mittelalterliche Klerus stützte sich insbesondere auf die Philosophie Aristoteles, begründete mit ihm seine intellektuelle Macht.
Der Idealismus oder die spekulative Philosophie fand mit Hegel ihren Höhepunkt, wenn auch leider nicht Ausklang. Feuerbach legte die Grundsätze für einen neuen Anfang der materialistischen und naturalistischen Philosophie; wenn er auch nicht der erste war, so war er doch einer der bedeutendsten Religionskritiker, wobei - wie Marx saget - die Kritik der Religion der Ausgangspunkt aller Kritik ist.

Hegel und die Spekulation im Kopf

Feuerbach:
"Das Geheimnis der Theologie ist die Anthropologie, das Geheimnis aber der spekulativen Philosophie die Theologie - die spekulative Theologie, ..."

Gegenstand der Philosophie ist die Frage des Bewusstseins des Menschen. In den Grundsätzen nimmt sich Feuerbach der Aufgabe an die spekulative Philosophie zu reformieren - wie er es ausdrückt. Zu dieser Zeit wurde mit dem Begriff Reform noch eine umwälzende Veränderung verstanden, es gab bei Feuerbach aber auch eine unverkennbare Anlehnung an den Begriff der lutherischen Reformation.

Er wendet sich gegen Spinoza, den "eigentlichen Urheber der spekulativen Philosophie". Feuerbach verwendet den Begriff des Pantheismus, will ihn aber nur als "Spitznamen" und nicht als religiöse Terminologie verstanden wissen. [Es ist dabei nicht immer klar welche Sätze an die Zensur - auch zu deren Verwirrung gerichtet waren?] Unter Pantheismus versteht man die Gleichsetzung von Gott mit allem und von allem mit Gott.

Feuerbach:
"Der Pantheismus ist die Negation der Theologie auf dem Standpunkt der Theologie."

Noch theologisch wird die Gottheit als Alles und alles als Gottheit bezeichnet; eine Verallgemeinerung, die die Gottheit mit der Natur, dem Menschen und allen Dingen identifiziert. Es ist dies eine verallgemeinernde Fortschreibung polytheistischer Religion, die viele Götter kennt. Diese ist bis heute im Sprachgebrauch erhalten, denken wir nur an den Wettergott, der uns als Petrus bezeichnet wird.
Die Gottheiten des Polytheismus, vor allem bekannt ist der griechische mit Zeus und zahlreichen Nebengöttern, werden im Pantheismus zu Prädikaten, also zu bloßen Eigenschaften. Sie sind also keine selbstständigen Wesen mehr, sondern Eigenheiten, etwa das Gute, das Schöne, das Heldenhafte.

Bei Hegel sind die wichtigsten hervorgehobenen Attribute: Das Sein, das Wesen, der Begriff - sie gelten als das Absolute. Feuerbach:
"Das Absolute oder Unendliche der spekulativen Philosophie ist, psychologisch betrachtet, nichts anderes als das nicht Determinierte, Unbestimmte - die Abstraktion von allem Bestimmten, gesetzt als ein von dieser Abstraktion unterschiedenes, zugleich aber wieder mit derselben identifiziertes Wesen; ..."

Anders ausgedrückt das Absolute bei Hegel ist die bloße Vorstellung von der Abstraktion, was ein Geist sein soll. Es das "vorweltliche Nichts gesetzt als Akt". Wenn wir uns diese Aussage vergegenwärtigen, dann wird die anhaltende Bedeutung klar, denn bis heute wird das vorweltliche Nichts als Schöpfungsakt angesehen. (sog. Urknall-Hypothese)

Feuerbach bringt es auf den Punkt:
Die Hegelsche Logik ist die zur Vernunft und Gegenwart gebrachte, zur Logik gemachte Theologie.

Es handelt sich um eine Verdoppelung. Alles was es auf Erden gibt wird von der himmlischen Theologie noch einmal dargestellt. Das eine mal konkret und das andere Mal als Abstractum. Ich gebe ein Beispiel: Du hast die Liebe als sinnliche Wahrnehmung und Gefühlsäußerung zwischen den Menschen und du hast die Liebe als göttliche Eigenschaft quasi von Gott gestiftet oder vermittelt wie es uns die evangelischen Pfaffen predigen.

Solche Verdoppelung produzierte auch die hegelsche Logik: "als Objekt der Logik, und dann wieder als Objekt der Natur- und Geistesphilosophie."

Definitionen: Über Theologie und Spekulation

Das Wesen der Theologie ist das transzendente, außer den Menschen hinausgesetzte Wesen des Menschen; das Wesen der Logik Hegels das transzendente Denken, das Denken des Menschen außer den Menschen gesetzt.

Die Theologie entäußert und entzweit den Menschen und so tut es auch die spekulative Philosophie, hält ihm das eigene Wesen als fremdes äußerliches gegenüber.

Es gibt jedoch einen nicht unerheblichen Unterschied zwischen Theologie und spekulativer Theologie, worunter er Hegel und Spinoza fasst:

"Die Theologie ist Gespensterglaube. Die gemeine Theologie hat aber ihre Gespenster in der sinnlichen Imagination, die spekulative Theologie in der unsinnlichen Abstraktion."

Das unsinnliche an der spekulativen "Theologie" resp. Philosophie macht sie sehr vergänglich, erlaubt ihr keinen Zugang zu den Menschen, die nach sinnlicher Erfahrung und Mitfühlen verlangen.

Damit das klarer wird: Die hegelsche Behauptung der absolute Geist offenbare sich in der Kunst, der Religion und der Philosophie wird von Feuerbach übersetzt: Der Geist der Kunst usw. ist der absolute Geist.

Man könne aber nicht die Kunst, die Religion " von der menschlichen Empfindung, Phantasie und Anschauung, die Philosophie nicht vom Denken, kurz den absoluten Geist nicht vom subjektiven Geiste oder Wesen des Menschen absondern"
die spekulative Philosophie und Auffassung macht sich so in der Konstruktion unbestimmbarer Allgemeinheiten ihre Gottheit, die sie dem Menschen entgegenhält. Bei Hegel ginge der absolute Geist der Theologie als Gespenst um, meint Feuerbach.

Die Hegelsche Philosophie hat den Menschen sich selbst entfremdet, indem ihr ganzes System auf diesen Abstraktionsakten beruht. Sie identifiziert zwar wieder, was sie trennt, aber nur auf eine selbst wieder trennbare, mittelbare Weise. Der Hegelschen Philosophie fehlt unmittelbare Einheit, unmittelbare Gewissheit, unmittelbare Wahrheit.
Hier taucht der Begriff Entfremdung auf, der bei Marx dann eine erweiterte, wichtige Bedeutung erhält. Diese Entäußerung des menschlichen Wesens durch die Abstraktion vom Menschen kann nur durch die "totale Negation der spekulativen Philosophie" begriffen werden, schreibt Feuerbach. Nur durch diese totale Negation wird der wahre, verkehrte Kern der Spekulation deutlich.

Vom Konkreten zum Abstrakten schließen!

Zwei Methoden der Spekulation, die zusammenhängen, werden im folgenden dargelegt und kritisiert. Später werde ich dann die dialektische Methode darlegen, mit deren Hilfe eine reale Erkenntnis möglich wird.

    A. Idealismus

    1. Die Deduktion
    2. Die Scholastik
    [B. Materialismus
    1. Die dialektische Methode
    2. Die historische Herangehensweise](noch nicht enthalten)

Die deduktive Methode, also die Heranziehung allgemeiner Lehrsätze zur Erklärung von Einzelheiten ist sehr weit verbreitet und es scheint den oberflächlichen Betrachtern dazu gar keine Alternative zu geben. Ausgehend von einem dogmatischen Gedankengebäude werden die Dinge der Welt beurteilt und eingeordnet. Die katholische Kirche bedient und bediente sich dieser Methodik. Die dazu von katholischen Gelehrten im Mittelalter entwickelte Lehrmethode nennt man Scholastik. Diese Methode geht ebenfalls von einem festen Gedankengebäude aus, was dem Ziel des Klerus entsprach keine freien Denkweisen entstehen zu lassen.

1. Die Deduktion

Die spekulative Methode der Deduktion, als das Verfahren vom Abstrakten zum Konkreten zu schließen ist zu verwerfen. Es ist eben nicht real vom symbolischen Baum auf den realen Baum zu schließen, es ist nur ein späterer Nachvollzug, denn in der Realität war zuerst der reale Baum, der schließlich als Abstraktum mit dem Begriff Baum bezeichnet wurde. Es ist keine wissenschaftliche Methode vorauszusetzen, dass da ein Anfang alles Seins gewesen war, um dann zu versuchen, dieses Abstraktum mit konkreten Fakten oder weiteren Abstrakta zu unterfüttern oder auszuschmücken. Diese Herangehensweise nennt man spekulativ, sie ist nur der Form nach wissenschaftlich, dem Inhalt nach führt sie nicht zu mehr Wissen, sondern nur zu mehr Glauben.

Spekulative Aussagen in den Raum zu stellen, als Thesen zu formulieren, um sie anschließend durch Beispiele zu untermauern, dass ist keine wissenschaftliche Methode im Sinne realer Wissenserkenntnis. Natürlich ist es statthaft eine These in den Raum zu stellen, jedoch ist es nicht statthaft diese These anschließend nicht real nach allen Seiten hin, in allen Widersprüchlichkeiten zu überprüfen, sondern lediglich Material zu ihrer Bestätigung zu sammeln. Die Erkenntnis führt also auch nicht bloß über die obligatorische Antithese, sondern allein über das Kriterium der sinnlichen Erkenntnis, das Kriterium der Wahrheit. Vom Konkreten ins Abstrakte zu schließen bedeutet anders vorzugehen, verlangt nach der Sammlung von Tatsachenmaterial, von Erkenntnissen, von Beobachtungen in großer Zahl, die dann auf dem Wege der Verallgemeinerung zu einer abstrakten Aussage geformt werden können.

"Wahrhaftigkeit, Einfachheit, Bestimmtheit sind die formellen Kennzeichen der reellen Philosophie." (231)

Erst eine reelle Philosophie bricht mit der Spekulation und wendet sich der Welt zu wie sie tatsächlich ist. Wie sie geworden ist, wie sie wird, wie sie sich verändert - in ihren Widersprüchlichkeiten und Zusammenhängen.

"Das was ist, so wie es ist - also das Wahre wahr ausgesprochen, scheint oberflächlich; das, was ist, so wie es nicht ist - also das Wahre unwahr, verkehrt ausgesprochen, scheint tief zu sein." (231)

Tatsächlich wird es im gängigen Wissenschaftsbetrieb als "Wissenschaftlichkeit" missverstanden, seine Aussagen in leere Begriffe zu hüllen, eine "wissenschaftliche" Diktion, also Ausdrucksweise zu verwenden, nur um der Realität nicht allzu nahe zu kommen. Es ist leider nicht das Ziel der Gelehrten profan und allgemeinverständlich zu bleiben, um eben als "gelehrt" zu gelten bedienen sich die Herren Gelehrten einer Sprache, die mehr leer, denn gelehrt und lehrreich ist. Gleich so wie ehedem die Gelehrten ihr Spezialwissen in lateinischer Sprache vor der Allgemeinheit verborgen hielten, so gilt es noch immer als akademisch seine Aussagen zu verkleiden. Das ist aber nicht allein ein Problem der Sprache, sondern - wie beschrieben - der verfehlten spekulativen Methodik geschuldet.

Bürgerliche Wissenschaftler setzen sich über die Realität hinweg, weil sie ihren eigenen Geist als wesentlicher ansehen, als die Erkenntnis der Tatsachen. Sie gehen lieber von ihrem "Geist" aus und nicht von den materiellen, gegebenen Tatsachen, die sie und uns alle umgeben.
Spekulation ist noch immer ein weit verbreiteter Wesenszug herrschender, also bürgerlich-kapitalistischer "Wissenschaftlichkeit", der allerdings allzu oft durch die Veröffentlichungen der Empirie realistisch konterkariert wird, was die gläubigen Geistesphilosophen nicht daran hindert weiter zu spintisieren (grübeln). Spekulation und Gläubigkeit sind Geschwister des Idealismus.

Idealismus ist dabei zu verstehen als gesetzter Vorrang des Geistes vor der Materie und vor dem Menschen. Bürgerliche Denker graben lieber in sich nach, auf der Suche nach "Wahrheit", "Sinn", usw. und enthalten sich der profanen sinnlichen Erkenntnis. Es klingt eben "gelehrter" sich nicht konkret und direkt ausdrücken, worauf Feuerbach hinwies.

2. Die Scholastik

Feuerbach wendet sich energisch gegen die Scholastik des Mittelalters, die zu überwinden eine Aufgabe der Aufklärung war. Das katholische Dogmensystem sollte mit einer (schein-) rationalen Methodik begründet werden. Die Scholastik war eine eigenständige Methode, sondern allein darauf ausgerichtet die wissenschaftliche Autorität des europäischen Klerus zu erhalten, zu reproduzieren und gegenüber anderen Religionen und heidnischen Auffassungen zu rechtfertigen. Elemente der scholastischen Methoden waren die

    1. Lesung und
    2. Kommentierung anhand kirchlicher Autoritäten
    3. das Streitgespräch und syllogischer Schluss nach deduktiver Methode (nach Aristoteles)
    4. Gegenüberstellung von pro und contra (Für und Wider)
    5. Gliederung nach Fragen
    6. Ausführung der Meinungen der Autoritäten
    7. Ausgleich von Widersprüchen

Besonders der syllogische Schluss war eine ausgefeilte Diskussionsmethode bei der von einer, zwei oder mehreren festen Prämissen ausgegangen wurde. Die scholastische Methode wurde mit spitzfindigen Begriffen und einem Hang zu umfassender und einseitiger Systematisierung ausgeführt. Sie war- wie das philosophische Wörterbuch er DDR schrieb - von "Unduldsamkeit und militantem Charakter".

Doch die mittelalterliche Scholastik lebt fort, sie wurde als Neoscholastik bis in die Neuzeit und die jüngste Vergangenheit weitergeführt. Natürlich abgewandelt, doch immer mit dem Ziel die katholische Lehre zu verteidigen und fortzuschreiben.

Bei der Betrachtung der scholastischen Methoden fällt auf, dass sie Eingang in die gymnasiale und allgemein schulischen Lehrmethoden gefunden haben. Die Schulaufsätze nach dem Für und Wider (Pro und contra) zu gliedern ist noch immer eine übliche Methode. Ergebnis ist natürlich eine statische Betrachtung der Welt. Man kennt keine Entwicklungen, keine Zusammenhänge, eben nur Vor- und Nachteile.

Die Scholastik fragt nicht nach Ursachen und Wirkungen, sie kennt auch keine Widersprüche und sie lässt keine Zweifel zu. Doch sie ist nicht ohne Alternative. Die alternative Konzeption, die einer neuen Aufklärung adäquat / angemessen erscheint, ist die hegelsche und marxsche Dialektik und die historische Herangehensweise, die nach den materiellen Ursachen der Dinge und Verhältnissee forscht - gepaart mit dem Sensualismus und Materialismus Feuerbachs, der den Menschen dazu auffordert seine Sinne zu gebrauchen und ihnen zu vertrauen. Feuerbach sagt:

"...das absolut antischolastische Wesen in uns ist das Prinzip des Sensualismus."

Die Spekulation wurde von Feuerbach als philosophische Methode und wissenschaftlicher Ansatz als offensichtlich realitätsfern kritisiert und verworfen.

Die Spekulative Philosophie zu verwerfen bedeutet für Feuerbach aber nicht, dass er den Stellenwert dieser philosophischen Richtung, gemeint sind insbesondere Spinoza und Hegel, nicht erkannte und würdigte. Spinoza und Hegel vertraten einen pantheistischen Standpunkt, eine verallgemeinernde Gottes- und Geistesvorstellung, mit der sie den Weg für den Aufklärer und Materialisten Feuerbach ebneten. Die Aufklärung endete also nicht mit den Idealisten Kant und Hegel, sondern sie fand ihren Zenit in Feuerbach und im Marxismus von Marx und Engels.

Inzwischen hat philosophisch längst ein idealistischer Rollback eingesetzt und die Oberhand gewonnen. Aus diesem Grunde ist eine neue Aufklärung erforderlich, um der Menschheit wieder eine realistische Perspektive zu eröffnen und neuen Revolutionen eine revolutionäre Denkweise zu stiften.

Um die Kurve zu kriegen zu einer kurzen Betrachtung der aktuellen öffentlichen Spekulation am Beispiel der Aktienbörse, stellte sich die Frage nach der Wirksamkeit Feuerbachs. Das ich hier offene Zusammenhänge herstelle, in den Raum pflanze, hat Methode, denn so will ich offene Gedankenentwicklungen stiften, die wir brauchen.

Feuerbach war der Überwinder der spekulativen Philosophie, seine Leistung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Warum seine philosophischen Erkenntnisse keinen dauerhaften - man muss korrekt sagen "bewussten" - Eingang in die revolutionäre Theorie gefunden haben, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Für Marx, Engels und auch für Lenin war Feuerbachs Materialismus und im Falle Lenin speziell die Erkenntnistheorie, eine wesentliche Quelle zur Herausbildung des historischen Materialismus. Das Feuerbach seine materialistische Kritik nicht historisch aufbaute war ein Manko und bedurfte einer Ergänzung, der Hinzufügung eines Entwicklungsgedankens. Zudem ist die philosophische Betrachtung in marxistischen Kreisen zu Gunsten einer strengen ökonomischen um nicht zu sagen ökonomistisch-mechanischen Analyse in den Hintergrund geraten. So wichtig die ökonomische Kritik zur Erklärung der kapitalistischen Verhältnisse ist, so wenig trägt sie allein aber zur Überwindung der idealistischen Denkweise bei, wenn sie nicht um eine Ideologiekritik ergänzt wird. Das verkehrte Denken hat mit der Fortentwicklung des Kapitalismus nicht an Boden verloren, denn die Spekulation ist noch immer und heute verstärkt ein Mittel zur Aufrechterhaltung von Akzeptanz für die herrschenden privaten Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse.

    Die Spekulation
    an der Börse

    Glücksspiele und Nervenkitzel

Da die kapitalistische Wirtschaft wohl im Detail, doch nicht insgesamt geplant wird und geplant werden kann - von Krisensituationen abgesehen - braucht sie eine spekulative Ideologie, die das Glücksrittertum zum individuellen Ziel erklärt.

Die Unwägbarkeiten des Alltags und der Lebensentwicklung finden ihren Ausdruck zum einen in der Religiosität, die das Leben einem übersinnlichen Schicksal unterworfen sieht. Die Krisenhaftigkeit des Systems wird als gottgegeben hingenommen, wie das Einzelschicksal angesehen. Oder andersherum: Die religiöse Sicht auf die Welt legt einen Schleier um die Verhältnisse, was auch damit zusammenhängt, dass das Christentum ursprünglich eine Religion von Sklaven war, also die Unterwürfigkeit und Gottesfürchtigkeit lehrt.

Der Glaube an Horoskope oder andere Formen von Aberglauben existiert neben dem christlichen Glauben weiter, der andere Gläubigkeit als Aberglauben bekämpft, nur sich selbst nicht als Aberglauben ansieht und erkennt. Glück wird als Geschenk des Himmels angesehen und mit einem Mythos umhüllt wie die Liebe, die ebenfalls aus dem Sinnlichen ins Übersinnliche verlegt wird.

Glücksspiele, Aktienspekulation, Horoskopgläubigkeit und Religiosität sind Ausdruck der Suche nach Glück und Zufriedenheit. In einer Zeit, die auf der Suche nach dem Sinn des Lebens nur eine Antwort kennt: Geld. Glück und Geld werden gleichgesetzt, auch wenn das vielzitierte Sprichwort, dass Geld allein nicht glücklich macht für wahr gehalten wird.

Ziel der Glückspiele ist es, Geld oder andere materielle Güter zu gewinnen. Bei der Aktienspekulation geht es schlicht um die Vermehrung von Bankguthaben, also Vermögenswerten, um Zuwachs von Kapital. Das Risiko macht als Kitzel des Spekulanten ein psychologisches Moment aus, durch das der Spekulant zum Spieler wird. Das Chaos und die Unwägbarkeiten der kapitalistischen Produktionsverhältnisse sind die Basis - die ökonomische Basis - der Spekulation. Das Auf und Ab am Aktienmarkt ist die Voraussetzung für die Spekulation, allerdings vor dem Hintergrund, dass die Akkumulation von Kapital fortgesetzt wird und damit auf die Dauer die Kurse auch wieder steigen.

Dabei ist selbst der Nervenkitzel der Anleger in Aktienkapital - zumindest in den Zeiten der Prosperität, die geraume Zeit anhielten - eine Einbildung. Die Kurse stiegen jahrelang an, hochgetrieben durch den immer weiter erhöhten Anteil von freiem Kapital. Dieses freie Kapital ist das Ergebnis steigender Produktivität der Produktion und des größer werdenden Anteils des Profits am Mehrprodukt der Gesellschaft. Die Privateigentümer vergrößern ihren Anteil am Mehrprodukt und legen ihn z.B. in Aktien an, wodurch er wieder reinvestiert wird und die Akkumulation von Kapital erhöht. Diese Kapitalakkumulation ist der wahre Kern hinter dem Schleier der Marktideologien. Jedenfalls ist die Kapitalakkumulation in den Händen weniger Profiteure eine Gesetzmäßigkeit des Systems und es ist wenig erstaunlich und kaum des Nervenkitzels wert.

Dass es auch Verlierer gibt, hat sich im letzten Jahr deutlich gezeigt. Viele Kleinanleger haben beim dot.com-Crash, dem Kurskollaps der New Economy große Verluste gemacht. Der Glaube an den Markt und die falschen Vorhersagen der Analysten haben ihnen das Geld aus den Taschen gezogen. Dieses Geld wurde von Firmen am Neuen Markt, als frisches Kapital gebraucht und wie es heißt nach und nach verbrannt.

Gewinner und Verlierer

Seit einem Jahr, so lautet eine verschiedentlich genannte Zahl, sollen rund 300 Milliarden DM Anlegerkapital verloren worden sein. Hat sich das Kapital in heiße Luft aufgelöst. Gibt es nur Verlierer oder auch Gewinner? Werner Rügemer schreibt (junge Welt 6.6.01), dass es sich dabei nicht um eine Vernichtung, sondern um eine Umverteilung in gigantischem Ausmaß handelt. 600 Mrd. sollen Neuanleger in den Aktienmarkt investiert haben, wovon die Hälfte heute, angesichts rapide verfallener Kurse verschwunden sind. Doch wo sind sie hin?

Das Geld ist wohl zu einem gewissen Teil von Anlageunternehmen, Banken und anderen Kapitalisten abgeschöpft worden. Entweder die Spekulanten hatten Insider-Wissen oder so viel Kapital, dass ihre Verkäufe den Kurs zum Einsturz brachten. Rügemer beschreibt folgendes Szenario, dass einen gleitenden Übergang von der legalen Mehrwertabschöpfung zur organisierten Kriminalität zeigt:

"In einzelnen Fällen wurde ermittelt, wie Firmengründer und Vorstandsmitglieder mithilfe getrickster Gewinn- und Umsatzzahlen die Kurse hochtreiben. Wirtschaftsmedien treiben mit. Die Aktienanalysten empfehlen, scheinbar mit guten Gründen, eine erfolgreiche Aktie. Die Vorstandsmitglieder und Hauptaktionäre kaufen selbst massenhaft Aktien, animieren die Kleinanleger zum Kauf: Und nach einigem Höhenflug verkaufen die Insider ihre Aktien. Das ist die sogenannte Börsenpsychologie. Ist doch ganz einfach nicht wahr?"

Besondere Möglichkeiten durch herbeigeführte Kursstürze zu profitieren haben aber vor allem die Großbanken, deren Gewinne rasant gestiegen sind und die Investmentgesellschaften, die an allen Transaktionen verdienen und kräftig abgesahnt haben:

"Vor allem aber die Strategen der großen Investmentfonds, die irgendwo weitab in New York, Luxemburg, Zürich, London, Frankfurt und Tokio den globalen Markt analysieren und bei den Unternehmensvorständen aus- und eingehen: Sie verschieben im globalen Zangengriff große Fondsanteile und lösen Kursstürze aus. Das wird dann schön allgemein als "Krise" bezeichnet: Mexikokrise, Asienkrise, Russlandkrise. Jetzt in Deutschland. Doch so allgemein sind die Krisen gar nicht. Die Strategen, die den ersten Beschluss über den Aktienverkauf fassen und die Kursstürze auslösen, sie schöpfen Gewinne ab. Zum Beispiel: Die drei Investmentbanken Goldmann Sachs, Morgan Stanley Dean Witter und Merryll Lynch verdienten in und an den Krisen des Jahres 2000 so gut wie nie: 12 Milliarden Dollar, 20 Prozent mehr als im Jahr davor."

Rügemer nennt auch das Beispiel des Analysten Egbert Prior, der via TV Aktien anpries, deren Kurse dann anstiegen. Er selbst hielt Aktien der angepriesenen Sorte und verkaufte sie beim Höchstkurs, womit ihm sein Insider-Wissen selbst einen großen Profit brachte. Die entsprechenden Gesetze sind lasch und die Klagen gegen Prior waren erfolglos.

Beim Börsenspiel ist es wie beim Ratespiel: Gefragt sind Detailwissen, gute Nerven und Glück. Nicht gefragt sind Wissen über soziale oder ökonomische Zusammenhänge, Widersprüche und Entwicklungen. Die Börsenentwicklung kann rein materialistisch nicht erfasst oder korrekt analysiert werden, denn sie unterliegt außer den genannten Kursmanipulationen auch irrationalen Momenten und psychologischen Schwankungen. Die Börsenentwicklung unterliegt Stimmungen, die nicht mit der aktuellen Wirtschaftssituation, sondern mit den Profiterwartungen in der Zukunft zu tun haben. Während der heißen Phase am Neuen Markt, also etwa von März 2000 bis zum Juli/August 2000, als die Kurse der Marktneulinge in die Höhe schossen, bestimmte noch ein anderer Faktor die Kursentwicklung:

Nicht die Erwartung zukünftiger Dividenden, sondern zu erwartender Spekulationsgewinn regte die Phantasie der Anleger an. Das ich das Kapital aber nicht durch Luftbuchungen vermehrt, sondern nur durch reale Arbeitskraft geschaffen und verwertet wird, kam es zum Platzen der künstlichen Kursblase. D.h. spätestens als sich herausstellte, dass manche dot.com-Firma keine realen Gewinne, sondern nur rote Zahlen produzierte, setzte sich die kapitalistische Realität durch.

Letztlich setzt sich auch an der Börse nur der gesellschaftliche Durchschnittswert der Ware durch. Der zeitweise überhöhte Preis von Aktien, die auch nur eine Art von Ware sind, kommt nur durch Spekulation von Großanlegern zu Stande, die den Kurs manipulieren. Der überhöhte Kurs wird durch gezielte Informationen und produzierte Profiterwartungen oder Profitphantasien erreicht. Er spiegelt aber nicht die real, jenseits der Spekulationsblase zu erzielenden Werte wider.

Aktienspekulation setzt darauf, Wertpapiere zu einem niedrigeren Preis zu kaufen als zu verkaufen. Das funktioniert natürlich nur solange die Kurse steigen. Dabei wird im Lexikon der Börse zu Unrecht behauptet, dass die Spekulation eine Triebfeder des Kapitalismus ist. Denn die Aktienspekulation ist keine ökonomische Tätigkeit, sondern eigentlich eine moderne Form des Schmarotzertums, des Abzockens mithilfe überlegener Mittel (Kapital, Technik, Wissen). Die Geldkapitalbesitzer werden immer reicher, solange der Boom anhält und das Geldscheffeln wird ihnen zum Lebensziel.

Den in der Produktion tätigen Massen wird der Zugewinn der Produktivität vorenthalten - wie zum Hohn. Sie müssen um jedes Prozent an Lohnzuwachs kämpfen und finanzieren noch die Investitionen, die mithelfen ihre Arbeitskraft zu ersetzen - lean production, schlanke Produktion.

Stimmungen und der Zwang des Tauschwerts

Das Wesen der Spekulation ist der Glaube an bestimmte Vorhersagen. Hellhörig werden die Ankündigungen eines Alan Greenspan von der US-Notenbank aufgenommen. Stimmungen bestimmen den Gang der Börse mehr als die ökonomische Tätigkeit. Spekulation geschieht jedoch nicht nur mit Aktien, sondern v.a. auch an den Finanzmärkten. Ganze Scharen berufsmäßiger Währungsspekulanten beobachten die Kursschwankungen und versuchen die Profitmöglichkeiten auszunutzen. Mit ausgefeilten Computerprogrammen werden Währungen verglichen und Käufe wie Verkäufe werden automatisch vorgeschlagen, sobald sich die erwünschten Profitspannen ergeben - wie eine Dokumentation auf Arte zeigte. Auch im Aktienhandel wird technischer, also computergestützter Handel mit mathematischen Programmen betrieben.

Die Finanzmärkte entwickeln so ein Eigenleben und die Spekulation verläuft auf Kosten der Währungen in Ländern der Dritten Welt. Eine Zeit lang auch auf Kosten Russlands, bis die Blase zerplatzte. Seit dem Zusammenbruch des künstlich aufgeblähten Aktienmarktes in Russland und Osteuropa ist den westlichen Spekulanten eine Quelle des Profits weggebrochen. Unter den Spekulanten gibt es eine große Portion an Gläubigkeit. Es wird sogar an so etwas wie eine selffulfilling prophecy geglaubt - als ob die Aufstellung einer Prophezeiung zu ihrer Erfüllung führen könnte.

Angst und Geldgier sind die Triebkräfte des Handels. Doch es gibt immer wieder Punkte wo es irrational wird: wenn alle Angst bekommen und zu verkaufen beginnen. Das hat schon mehrfach Lawinen in Gang gesetzt und aus der Profitmitnahme wurde ein kräftiger Kurssturz.

Die Behauptung mancher Theoretiker der Kapitalismus hätte mit der Ausdehnung des Finanz- und Aktienmarktes sein Wesen verändert ist natürlich Unsinn. Um zu erkennen was los ist muss der Schein vom Wesen unterschieden werden. Die Dinge sind oft anders als sie zu sein scheinen. Es gibt keine Wertschöpfung nur durch Geld oder Geldkapital oder durch Kauf und Verkauf. Marx sagt dazu im Kapital: "Eigentliche Handelsvölker existieren nur in den Intermundien der alten Welt." Also in den religiösen Geschichten des Altertums. Sie sind genauso Sagen wie die Hinwegdefinition der produzierenden Ökonomie oder gar der gesamten Arbeitswelt, was manche Linksintellektuelle in der BRD in völliger Entfremdung und Umnachtung behaupten.

Die Werte werden noch immer nur durch die menschliche Arbeitskraft geschaffen, anders ist das auch gar nicht möglich. Wie Marx erklärte, entsteht im Produktionsprozess ein Mehrwert. Dieser Mehrwert wird in Lohn und Profit aufgeteilt. Wie Marx es kurz ausdrückte erhält der Arbeiter eben nur den Gegenwert für sagen wir vier Stunden Arbeit am Tag. Der Rest, also der Wert der in etwa noch mal drei Stunden erarbeitet wird, entzieht sich seiner Verfügung. Dieser Wert unterliegt allein der Verfügung der Kapitaleigner, Vorstände, Unternehmensbesitzer.

Das Ziel der Produktion im Kapitalismus ist nicht in erster Linie die Schaffung von Gebrauchswerten, das bleibt ein notwendiger aber nicht bestimmender Effekt. Sondern der Hauptzweck ist und muss im Kapitalismus sein, Tauschwerte, also Waren zu produzieren, die sich gewinnbringend verkaufen lassen. Der Tauschwert setzt sich zwanghaft als Wertmaßstab durch, er ist mit Phantasien behaftet, in ihm steckt die ganze Ideologie des Kapitalismus. Von diesen Tatsachen aber wird in unserer Realität heute nicht gesprochen, kaum jemand weiß davon, manche ahnen etwas.

Die Gesellschaft wird auf Börse geeicht, denn die ständigen Kursmeldungen sind nicht nur Infos für die Anleger. Sie sind, eingestreut in alle Nachrichten, Werbemaßnahmen für die Aktienanlage selbst und den kapitalistischen Markt als Ganzes. Sie sollen werben für die Unterwerfung von immer mehr Lebensbereichen unter die Fuchtel der Tauschwert-orientierten Produktion. Jeder arme Schlucker soll sich zum geistigen Sklaven der Kapitalgesellschaft machen und nur noch in Marktkategorien denken. Der Mensch als unwissender Motor der hochindustrialisierten Profitgesellschaft wird geistig degradiert zum Konsumidioten, der seine Existenz an der Anhäufung von persönlichen Gütern bemisst oder laut Werbung bemessen soll.
Da wir über die Entscheidungen der Konzernherrn nicht oder kaum unterrichtet werden und die Markt- und Machtmechanismen nur am Rande erleben, soll oder kann mithilfe der Börsendaten der Eindruck dauernder Information über das ökonomische Geschehen erweckt werden. Die eigentlichen Bewegungs- und Wertgesetze des Kapitals bleiben im Dunkeln.

Zum Fetischcharakter der Ware

"Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding. Ihre Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Soweit sie Gebrauchswert, ist nichts Mysteriöses an ihr, ob ich sie nun unter dem Gesichtspunkt betrachte, dass sie durch ihre Eigenschaften menschliche Bedürfnisse befriedigt oder diese Eigenschaften erst als Produkt menschlicher Arbeit erhält. Es ist sinnenklar, dass der Mensch durch seine Tätigkeit die Formen der Naturstoffe in einer ihm nützlichen Weise verändert. Die Form des Holzes z.B. wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne. Der mystische Charakter der Ware entspringt also nicht aus ihrem Gebrauchswert." (Das Kapital, Bd. I, S.85)

    Die Wertbestimmungen fasst Marx wie folgt:

    1)  sie sind Ergebnis produktiver Arbeit, die wiederum Funktionen des menschlichen Organismus entspringt
    2)   die Wertgröße wird durch die Zeitdauer der Verausgabung oder Quantität der Arbeit bestimmt
    3)   sobald die Menschen füreinander arbeiten, erhält die Arbeit eine gesellschaftliche Form

Die Arbeitsprodukte werden durch ein Missverständnis zu Waren, zu gesellschaftlich bestimmten Dingen. der gesellschaftliche Charakter der Arbeit spiegelt sich in den Waren wider. Die Warenform hat mit den Dingen selbst und den dinglichen Beziehungen nichts zu tun. Sie ist ein bestimmtes gesellschaftliches Verhältnis zwischen den Menschen selbst, dass die trügerische Form eines Verhältnisses von Dingen zueinander annimmt.

Das ist - stellt Marx fest - wie in der Religion, wo die Menschen vorgestellte Wesen aus ihrem Kopf zu selbstständigen Gestalten machen, die sie sich als äußerlich gegenüberstellen. Hier wird klar, dass Marx auf den Schultern von Feuerbach steht, auf den diese Erkenntnis zurückgeht.

Der realen Wertbestimmung liegt also die Zeitdauer der Produktion zugrunde. Dieser reale Wert wird durch die gesellschaftliche Warenform, die den Arbeitsprodukten im Kapitalismus zugedacht wird konterkariert und übertüncht. Es wird den Waren, die doch Produkte der menschlichen Hand sind, eine mythische Eigenschaft angedichtet: "Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist."

Das Verhältnis der Menschen wird zu einem Verhältnis der Dinge zueinander umgedeutet, dies geschieht durch den Austauschprozess auf dem Markt. Die Waren- und Geldform verdeckt also die Tatsache, dass die hergestellten Dinge Produkte menschlicher Arbeitskraft sind und gerechterweise danach bemessen werden müssten. Auf die genaueren Bestimmungen des Tauschwerts und der Tauschverhältnisse kann hier nicht eingegangen werden - das müsste gesondert betrachtet werden. Hier ging es nur um den Fetischcharakter der Waren und der besonderen Warenform des Geldes.

Der Fetisch hängt also den Waren und nicht nur dem Geld an. Fetischismus bedeutet hier gottgleiche Verehrung des Menschen einem Ding gegenüber. Augenscheinlich wird der Warenfetischismus in unserem Land sicherlich beim Lieblingsding vieler Deutscher, beim Automobil. Jedoch jede Ware wird fetischhaft verehrt, da ihr ein Wert zugesprochen wird, den sie nicht hat, der ihr aber durch die Gesellschaft zudefiniert wird.

Diese Verkehrung und die Entfremdung des Arbeiters von seinem Arbeitsprodukt sind wesentliche Erscheinungen des Kapitalssystems dessen marxistische Kritik erneut aufgegriffen und popularisiert werden muss.

Die Spekulation an der Börse und das Bild der Ökonomie, dass uns vom Kapitalismus vermittelt wird, entspricht nicht den Tatsachen, offenbart nicht die wirklichen Triebkräfte der menschlichen Ökonomie. Die Industrie und der industrielle Arbeiter sind in unserer Welt eine Art Phantom, alles beherrschend, doch unsichtbar waltend. So auch die menschliche Arbeitskraft, die von der bürgerlichen Ökonomie nicht als alleinig wertstiftende anerkannt wird und die doch allgegenwärtig wirkt und Werte schafft.

Die Spekulation versperrt den Menschen den Zugang zu sich selbst, zu ihrer Geschichte, zu ihrem Werden und zu ihren Kämpfen. Die Spekulation versperrt auch die reale Sicht auf die Klassenverhältnisse in unserer Gesellschaft, die all überall hervorbrechen und sichtbar werden, die jedoch niemand benennt.

Die herrschende Klassen-Gesellschaft gründet sich auf reale private Eigentumsverhältnisse und wird ideologisch aufrechterhalten durch geistige Verkehrungen und Konstruktionen, die die waren Beweggründe der Herrschenden verdecken sollen.

Schluss:

Die Kritik der Spekulation und des Idealismus ist aber nur ein Schritt in die Richtung, die wir einschlagen müssen. Die materialistische Herangehensweise erfordert ein wissenschaftliches Instrumentarium der Erkenntnisweise. Dieses Instrumentarium muss zusammengetragen werden. Dabei muss kritisch herangegangen werden, denn der Stalinismus hat das marxistische Denken und Herangehen in vielfacher Hinsicht beschädigt und deformiert. Der wissenschaftliche Materialismus wurde selbst als eine Art Religion angewandt: dogmatisch, mechanisch und selektiv im Sinne der sowjetischen Bürokratie.

Was wir aber brauchen ist eine Darstellung der dialektischen Grundgesetzlichkeiten und Methoden, der Methoden des historischen Herangehens und der Methoden der materialistischen Analyse, wofür ich schon einige Vorarbeiten erledigt habe. Mir liegen dazu auch zahlreiche Quellen vor, die ich dazu einarbeiten werde.

Autor: Heribert Sommer (alle Rechte vorbehalten)

 

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