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Von Heribert Sommer
Findet eine Globalisierung statt und was ist Gegenstand dieser
Globalisierung?
Den ersten Teil der Frage müssen wir deutlich bejahen,
allerdings ist das kein neuer Prozess, er dauert, in Gestalt der Ausdehnung
des Weltmarktes schon zweihundert oder dreihundert Jahre an. Wenn wir den
globalen Kapitalismus unserer Zeit betrachten, dann sehen wir, dass
er weltweite Probleme hervorbringt, die er nicht zu meistern in der Lage
ist. Diese Probleme sollten ebenso als Teil der Globalisierung begriffen
werden, wie die weltweite Expansion und Einflussnahme des Nato-Imperiums. So
erhält die bürgerliche Floskel von der „Globalisierung“ eine
materielle Wahrheit. Der Begriff wird mit greifbaren Inhalten gefüllt, die
ideologische Formel der Herrschenden wird entzaubert, um sie für die
Unterdrückten nutzbar zu machen.
Es gibt einen Widerspruch zwischen der neuen
Herrscher - Ideologie der Globalisierung und alten Herrschaftsideologie
des Nationalismus. Es ist eine Schizophrenie des Kapitals, dass es weltweit agiert und sich international ausdehnt, während das politische
Personal der
Bourgeoisie weiterhin nationale Vorurteile, Rassismus und völkischen Dünkel, also Hochmut produziert. Als
Beispiel sei hier an den Begriff von der „deutschen Leitkultur“
erinnert, der von den christlich-konservativen Leithammeln in Deutschland
zur Abschreckung hochgehalten wird.
Eine materielle Betrachtung der Globalisierung
verlangt aber nicht nur, wie es ein stalinistisch-verkürzter Marxismus tun
würde, die ökonomischen Wurzeln der Entwicklung aufzudecken. Die
sozialen Realitäten und die verschiedenen Erscheinungsformen der Unterdrückung
und der leidvollen Existenz gilt es insgesamt zu erfassen. Es geht auch
nicht darum den Globalisierungsbegriff als Totschlagargument zur
Rechtfertigung kapitalistischer Sauereien zu akzeptieren. Der folgende Beitrag, der auf einem Referat beruht, kann nur Ansätze für eine
materielle Bewertung bieten, doch die werden deutlich sein.
Die Linke ist von der bürgerlichen Schizophrenie
zwischen Nationalismus und Internationalismus ebenso befallen, denn die
Klassen sind, wie Lenin sagte, nicht durch eine chinesische Mauer
voneinander getrennt. Dass soll heißen, das die „Linke“ hauptsächlich
von bürgerlicher Ideologie zehrt und materielle Realitäten mit
Vorliebe ignoriert oder missversteht. Da es also kaum eine eigenständige
Denkweise, ein eigenes Bewusstsein der Unterdrückten gibt, ist die bürgerliche
Denkweise auch in die Linke weit eingedrungen. So ist auch der Umgang mit
Globalisierung und Nationalismus in der Linken von Schizophrenie – oder
weniger pathologisch ausgedrückt - von doppeldeutiger Verwirrung
gekennzeichnet.
Zuerst werde ich auf einige Erscheinungen des globalen
Kapitalismus eingehen: globaler Interventionismus, globale ökologische
Probleme, globale Wirtschaftskrisen und anschließend dann Belege für die Zuspitzung der Klassenwidersprüche nennen. Darunter verstehe ich
die gewachsenen sozialen Unterschiede zwischen den arbeitenden Klassen und
der Welt-Bourgeoisie an deren Spitze 475 Milliardäre stehen.
Es geht dann um die Funktion nationaler Kategorien für
die Herrschenden, die Haltung die der frühe Marxismus zur Nation einnahm,
sowie um eine weltweite sozialistische Perspektive.
Erscheinungen des globalen Kapitalismus
Globaler
Interventionismus
Aus der Sicht der USA ist ihr weltweites militärisches
Engagement, ihre Einmischung in die Angelegenheiten zahlreicher Staaten
keine neue Erscheinung. Der US-Imperialismus definiert schon seit langem
seine eigenen Interessen nicht nur bezogen auf die Dinge in seinen
Landesgrenzen. Mittelamerika wurde und wird als Hinterhof angesehen, Südamerika
ist Objekt ökonomischer Ausbeutung und politischer Gängelung. Die
US-Interventionen in Honduras, El Salvador, Nicaragua, Grenada in der
Schweinbucht von Cuba usw. sind bekannt. Die USA operieren mit ihrem
Geheimdienst weltweit, haben in den Siebzigern und Achtzigern blutrünstige
Militärregime u.a. in Südamerika und aller Welt gestützt und damit die
Folterung und den Tod zahlloser Menschen verschuldet.
Es geht hier nur um Beispiele, denn der
US-Interventionismus operiert seit der Monroe-Doktrin auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent und seit der Jahrhundertwende in Südostasien: 1898
wurden die Philippinnen von den USA besetzt. In den sechziger Jahren des
20.Jahrhunderts begannen die USA ihren blutigen Feldzug gegen den
Kommunismus in Vietnam. Millionen Menschen wurden grausam massakriert, verstümmelt
und mit Napalmbomben verbrannt und weite Landschaften mit „agent
orange“-Gas vergiftet. Seit dem 2. Weltkrieg dominieren die USA auch in
Europa, denn als Siegermacht definiert die USA den europäischen Kontinent
als ihr Einflussgebiet. (Truman-Doktrin)
Im Nahen Osten verfolgen die USA spezielle Interessen,
die mit „Erd“ anfangen und mit „öl“ aufhören. Der Krieg gegen den
Irak wurde grausamst geführt. Die sich zurückziehenden irakischen Konvois
wurden mit überlegener Kriegstechnik vernichtet. Die radioaktive
Verseuchung der irakischen Soldaten und Bevölkerung durch Uranmunition war
Teil einer Vernichtungsstrategie, zu der auch das Embargo gehört. Die
Freiheit, die in Kuwait verteidigt wurde, war nur die Freiheit des
Kapitals, die dortigen Ölreserven auszubeuten. Die Imperialisten
besitzen die Frechheit, ihre eigene Freiheit ungestört und rücksichtslos
Ausbeutungsgeschäfte zu betreiben als urdemokratisch und quasi gottgewollt
hinzustellen.
Nicht erst seit der Nato-Aggression gegen Jugoslawien
wird von Bourgeoisie-Wissenschaftlern die selektive Aufhebung staatlicher
Souveränität diskutiert. Ein gefährliches Unterfangen, der sich die von
den Imperialisten beherrschte UNO nicht entgegenstellt. Wie heißt doch die
US-Doktrin, die unter dem liberalen Herrn Clinton schon 1992 aufgestellt
wurde: „Wenn möglich mit der UNO, wenn nötig ohne sie.“
Auch Frankreich verfolgt – insbesondere in Afrika -
weiterhin imperialistische Interessen, führte dort zahlreiche Kriege und
Interventionen durch, doch die Intensität dieser Kriegspolitik hat stark
nachgelassen. Britannien, dass nur noch dem alten Namen nach groß ist,
steht ständig fest an der Seite der USA, bombt mit Vorliebe auf den Irak
und die Briten stellen im Kosovo das größte Truppenkontingent.
Deutschland spielt auf dem Balkan eine verdeckt
aggressive Rolle, setzt seine ökonomischen Interessen dort voll durch und
zielt darauf ab, bei zukünftigen Interventionen militärisch mitzumischen.
Die lange beschworene militärische Enthaltsamkeit wurde von der
Kohlregierung aufgebrochen und bezeichnenderweise von der rot-grünen
Regierung ad acta gelegt. Der Nato-Mobilisierung gegen Jugoslawien
zuzustimmen war überhaupt der erste Beschluss der neuen Schröder-Administration.
7Insgesamt kann man sagen, dass auch für die BRD der Satz des Militär-theoretikers
Clausewitz über die Bedeutung des Krieges wieder gilt: „Der Krieg ist die
Fortsetzung der Politik, nur mit anderen, kriegerischen Mitteln.“
Globale
ökologische Probleme
Während global kriegerische Auseinandersetzungen im
letzten Jahrhundert an der Tagesordnung waren, mit den beiden Weltkriege als
schrecklichen Höhepunkten, tritt die weltweite ökologische Gefährdung
erst seit den Achtziger Jahren ins Blickfeld.
Die Ausbreitung globaler ökologischer Probleme kann
kaum mehr übersehen werden. Zwar gibt es immer noch wissenschaftliche
Gesundbeter, die behaupten, es gäbe noch nicht genug Daten, um zu einem
Urteil zu kommen. Doch ihre Auffassung liegt mehr im Sinne ihrer Geldgeber,
als das sie der Wahrheit näher kommt.
Beispiel Klimaerwärmung Die jüngsten Überschwemmungen
in Norditalien und England hatten katastrophale Ausmaße. Die superheißen Dürreperioden
in Griechenland, die Waldbrände in USA, in Australien und die Superbrände
in Indonesien, sind manchem noch kein Beweis. Die Superstürme, die
Mittelamerika heimsuchten und u.a. in Nikaragua, Guatemala und auf Cuba
schlimmste Schäden verursachten, treten inzwischen fast jährlich auf und
treffen die ohnehin arme Region schwer.
Manche Häuser in Florida sind in den letzten Jahren
schon zweimal weggeflogen, doch der Energie-Verschwendungssucht der
US-Bourgeoisie und der Mittelklasse tut dies keinen Abbruch. Sie begreifen
noch nicht einmal den Zusammenhang.
Überschwemmungen größten Ausmaßes waren aber auch
in China und z.B. Bangladesh zu beobachten. Der Anteil der Industrie an den
Ursachen der Veränderung ist auf höchster Ebene bekannt. Tony Blair sprach
angesichts der jüngsten Überschwemmungen von Folgen der Klimaänderung,
was meistens nicht ausgesprochen wird.
Noch zwei Beispiele dafür: Am Nordpol war im Sommer
2000 kein Eis anzutreffen, wie Touristen erstaunt feststellen mussten.
Kilometerweit war das Eis geschmolzen. Am Südpol ist im März 2000 ein Stück
so groß wie Mallorca vom Shelfeis abgebrochen. Die zunehmende Zerstörung
der Ozonschicht, deren Ausdehnung wieder neue Rekorde erreicht, will ich
hier nur erwähnen.
Die Klimakonferenz, die vor kurzem tagte, ist ein
Beispiel für richtig verstandene Globalisierung und die Unfähigkeit
globale Probleme durch global abgestimmte Maßnahmen zu bekämpfen. Die
letzte Tagung endete in einem Desaster.
Die herrschende Bourgeoisie will ihre kapitalistische
Logik möglichst allen Bereichen des Lebens und der Gesellschaft überstülpen.
Die Spekulation ist außer dem Geldzählen zu einer Lieblingsbeschäftigung
des Kapitals geworden. Jetzt verlangen die Spekulanten sogar mit
Optionsscheinen auf CO2-Ausstoß zu handeln. Wenn sich die
Regierungen auf diese von den USA betriebenen Machenschaften einlassen, dann
wird in Kürze auch noch mit dem Verkauf von Rechten die Atemluft zu
belasten und das Klima zu versauen, Gewinn gemacht werden.
Beispiel: Wasser
Ein weiteres großes ökologisches Problem ist die
Versorgung mit Wasser. In vielen armen Regionen der Welt haben die
Menschen nicht genügend oder gar kein sauberes Trinkwasser. Dies verstärkt
die Ausbreitung von Krankheiten und beeinträchtigt die Lebensmöglichkeiten
vieler Menschen, die in Afrika auf dem Lande leben. Millionen von Frauen müssen
täglich viele Kilometer gehen, um ihre Familien mit Wasser zu versorgen.
Die Versorgung mit Wasser ist in den nichtindustrialisierten Ländern des Südens
schon immer eine bedeutende Frage gewesen. Doch in den letzten Jahrzehnten
hat sich dieses Problem verschlimmert. Nicht nur wegen des Bevölkerungswachstums,
auch wegen sich ausdehnender Wüsten und der Vertrocknung von Brunnen und
Wasserstellen. In der nordafrikanischen Sahelzone dehnt sich die Wüste
weiter aus. Der ehemals riesige Tschad-See zieht sich immer weiter zurück.
Die Menschen und Tiere wandern ihm nach. Die Verwüstung ehemals fruchtbarer
Gebiete verschärft die Situation in vielen Ländern Nordafrikas. Mit dem
Einsatz entsprechender Technologie wäre es möglich, dieser Verwüstung
entgegenzutreten und der Wüste wieder Land abzugewinnen. Doch den armen Ländern
wird keine Gelegenheit gegeben sich selbst zu entwickeln. Ihre Ökonomien
sind einseitig ausgerichtet, manche Länder werden mit EU-Agrarüberschüssen
überflutet, was deren lokale Landwirtschaft, etwa die Viehzucht ruiniert,
denn billiges EU-Fleisch überschwemmt den Markt. Oder es wird kostenlos
Getreide verteilt, anstatt den Bauern Saatgut zum Eigenanbau und so zur
Erlangung einer gewissen ökonomischen Eigenständigkeit zu geben.
Beispiel: Ozeane
Die Zerstörung der Ökologie betrifft auch die Meere,
die den Großteil der Oberfläche unseres Planeten bedecken. Die
Imperialisten zerstören mit ihren Industriefangschiffen die reichen Fischgründen.
Sie fischen auch die Jungfische mit ab und gefährden so nicht nur die
Fischgründe, sondern auch die Nahrungsgrundlage mancher Küstenregion. Als
Beispiel nenne ich die nordafrikanische Atlantikküste, wo Industrieschiffe
von Großkonzernen mit riesigen Netzen den örtlichen Fischern den Fang
wegschnappen. Die Fische werden dann im Land zu Fischstäbchen verarbeitet.
Eingefroren und nach Europa und USA gebracht.
Globale
Auswirkung regionaler Wirtschaftskrisen?
Der Kapitalismus baut mehr auf Gläubigkeit, denn auf
Erkenntnis und Erfahrung. Für die Bourgeoisie ist ihr eigenes Wohlergehen
das Maß aller Dinge. Wohltätig sind sie mit Vorzug zu Weihnachten oder
dann wenn sie sich damit öffentlichkeits-wirksam in Pose werfen können.
Deshalb werden krisenhafte Erscheinungen, Elend, Krieg und Not nicht von den
Ursachen her benannt, sondern als eine Art Schicksal hingestellt. Ebenso
wird mit den periodischen Wirtschaftskrisen verfahren, die seit der
Herausbildung innerer kapitalistischer Märkte in Europa, mit schöner
Regelmäßigkeit zu beobachten sind.
Als Beispiel für ökonomische Krisen nenne ich die
Krise in Südostasien, in den sog. Tigerstaaten, die vor zwei Jahren die
internationalen Finanzmärkte erschütterte und die dortigen Schuldenblasen
platzen ließ. Seitdem sind die Prognosen über die Wachstumszone Südostasien
verstummt. Sie sind schön auf die Nase gefallen die Herren Wahrsager.
Ebenso erging es ihren Prognosen bezüglich der von den
Kapitalistenmedien sogenannten „Reformstaaten“ Osteuropas. Die ökonomische
Situation in Russland ist die reinste Katastrophe. Die Vorhersagen,
die Einführung der kapitalistischen Marktwirtschaft würde für die
Menschen der früheren Arbeiterstaaten Wohlstand und ein sicheres Leben
bedeuten, haben sich reiner Zweckoptimismus bzw. bloße Lügen herausgestellt. Durch die Aneignung des Staats- oder
Gemeineigentums ist eine kleine Bourgeoisie entstanden, die die Profite aus
dem Land zieht. Dadurch sind die sozialen Unterschiede enorm gewachsen: es
gibt viel mehr Arme, keine soziale Sicherheit, mehr Krankheiten, weniger
Gesundheits-versorgung, geringere Lebenserwartung, zehntausende von Männern
in Gefängnissen, oft Tbc-krank, zu dreißigst auf der Zelle stehen sie im
Gang, weil es sonst keinen Platz gibt - und dafür einen Haufen religiöse
Sprüche von den Popen, die die Bevölkerung trösten sollen und ihr die
Religion wie Opium verabreichen.
Der
Weltfinanzmarkt
Manfred Sohn hat vor kurzem in der jungen Welt
vor einer neuen Wirtschaftskrise gewarnt, die er im Zusammenhang mit dem
Einbruch am Neuen Aktienmarkt drohen sieht. Mit Krisen-prognosen ist das so
eine Sache. Das anarchistische Chaos am kapitalistischen Finanzmarkt
durchblickt ohne niemand. Es wird nicht allein von ökonomischen, sondern
auch von irrationalen, psychologischen Faktoren gesteuert. Kapitalisten und
Spekulanten, die Angst um ihre Profite haben reagieren plötzlich, verkaufen
und reißen die Kurse plötzlich herunter. Die einzige Konstante am
kapitalistischen Aktienmarkt und auf anderen Börsen ist die unbändige
Profitgier und die Tendenz zur Zentralisation des Kapitals in den Händen
weniger Konzerne.
Die rasante Entwicklung am
Weltfinanzmarkt wird von den Kapitalisten und ihren Medien als ein Kern der
Globalisierung verkauft. Als ob dies eine völlig neue Entwicklung wäre.
Die Geschwindigkeit des Austausches hat sich zwar erhöht, doch die Abhängigkeit
der weltweiten Börsen untereinander besteht schon seit 150 Jahren.
Die neue Qualität besteht
vor allem darin, dass die Kapitalisten heute mit ungeheuer riesigen Mengen
von Kapital spekulieren können, was sie beispielsweise in die Lage
versetzt, Währungen zu zerstören. So ist es mit dem Rubel und der
indonesischen Währung passiert und in den letzten Monaten wurde auf Kosten
des Euro spekuliert.
Arm und Reich
Weltweite
Kapitalakkumulation und Klassenunterschiede
Von der Bourgeoisie und ihren Medien wird die
Globalisierung als internationale Zusammenwirkung des Kapitals verstanden.
Zweifellos kommt dem Internet als neuem, schnellen Informationsmedium dabei
eine große Rolle zu. Doch ob das Internet der Handelsplatz der Zukunft sein
wird, das darf bezweifelt werden. Es ist doch mehr eine Art Schaufenster zu
Werbezwecken, z.T. mit der Möglichkeit zur online-Bestellung.
Globalisierung wird hier in
einem viel weiteren Sinne verstanden, alle Aspekte können nicht behandelt werden. Auf den kulturellen wird hier leider nicht
eingegangen. Die Zentralisation des Kapitals durch Industrie- und
Bankfusionen mit wirklichem oder nur scheinbar internationalem Charakter hat
in den letzten Jahren deutlich sichtbar zugenommen. Doch die Hoffnung der Konzernchefs durch Anhäufung von
Kapital eine höhere Profitrate zu erzielen, hat sich schon mehrfach als trügerisch
erwiesen.
Einzige Quelle des Profits ist der durch die Arbeitskraft
des Menschen produzierte Mehrwert. Nur die menschliche
Arbeitskraft ist in der Lage den Dingen durch Arbeit eine Wertsteigerung
zuzufügen. Bei maschineller Produktion ist diese Fähigkeit als Potenzial
in der Maschine angehäuft enthalten, also gespeichert und muss durch
Wartung und Reparatur wieder aufgefrischt werden.
Marx und Engels nennen als Beispiel für die Berechnung
der Mehrwertschöpfung einen Arbeitstag. Arbeitet der Arbeiter acht Stunden
und genügen etwa drei Stunden zur Abdeckung des Lohnes, dann sind die
restlichen fünf Stunden Mehrarbeit und so Quelle des Mehrwerts, der zum
Profit wird. Die bürgerliche Wirtschaftslehre sieht das natürlich ganz
anders, ist aber unfähig eine eigenständige Erklärung für die Entstehung
des Mehrwerts zu liefern.
Da Mehrwert nur durch menschliche Arbeitskraft
entsteht, kann er also nicht durch finanzielle Transaktionen, durch
Neubewertung von Kapital oder durch den Verkauf entstehen.
Die Aneignung des Mehrwerts geschieht weitgehend
privat. Der Anteil der Kapitalisten an den Steuerzahlungen ist in
Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern, immer weiter zurückgeführt
worden. Die Bourgeoisie - in Gestalt der Kapitalistenverbände – schrie
lange Zeit wöchentlich nach Steuererleichterungen und lügt uns die Hucke
voll, wenn es ums Versprechen neuer Arbeitsplätze geht. Die Steigerung der
Arbeitsproduktivität durch die Verdichtung des Arbeitsprozesses, durch neue
Maschinerie und verstärkte Arbeitshetze hat zusätzlich den Mehrwertanteil
der Kapitalisten erhöht.
Das für Investitionen nicht gebrauchte Kapital fließt
in andere Anlagen oder wird zur Spekulation eingesetzt.
475 Milliardäre weltweit
Wie krass die Klassenunterschiede geworden sind, darauf
weist Nick Beams hin:
„In jüngster Zeit ist eine Menge an Informationen
veröffentlicht worden, die das überwältigende Anwachsen der sozialen
Gegensätze im Weltmaßstab zeigen. Beispielsweise entspricht der Reichtum
der 475 Milliardäre weltweit dem addierten Einkommen von mehr als 50
Prozent der Weltbevölkerung, also etwa drei Milliarden Menschen. Und diese
Aufhäufung von Reichtum beschleunigt sich. Die Anzahl der Milliardäre
allein in den Vereinigten Staaten ist von 13 im Jahre 1982 auf 149 im Jahre
1996 gestiegen und seitdem weiter angewachsen.
Nach dem Weltentwicklungsbericht der Vereinten Nationen
von 1998 übersteigt das Vermögen der drei reichsten Einzelpersonen in
der Welt das addierte Bruttoinlandsprodukt (BIP) der 48 am wenigsten
entwickelten Länder. Die 15 reichsten Personen verfügen über ein Vermögen,
das größer ist als das BIP sämtlicher afrikanischer Staaten südlich der
Sahara, und das Vermögen der 32 Reichsten übertrifft das BIP von Südasien.
Der Reichtum der 84 reichsten Individuen schließlich übersteigt das BIP
von China mit seinen 1,2 Milliarden Einwohnern.
Und was ist mit der Mehrheit der Weltbevölkerung?
Von den 4,4 Milliarden Menschen in sogenannten Entwicklungsländern
leben beinahe drei Fünftel ohne sanitäre Einrichtungen, ein Drittel hat
keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und ein Viertel keine vernünftige
Unterkunft. Ein Fünftel der Bevölkerung in diesen Ländern ist unterernährt
und der gleiche Anteil hat keinen Zugang zu anständiger medizinischer
Versorgung. Zwischen 1960 und 1994 hat sich die Kluft im Pro-Kopf-Einkommen
zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel der Weltbevölkerung mehr
als verdoppelt. Die entsprechende Rate vergrößerte sich von 30:1 auf
78:1, und hatte im Jahre 1995 das Verhältnis 82:1 erreicht.
Im Jahr 1997 entfiel auf das reichste Fünftel der
Weltbevölkerung 86 Prozent des Welteinkommens, während das ärmste Fünftel
ganze 1,3 Prozent davon erhielt. Mehr als 1,3 Milliarden Menschen sind
gezwungen von weniger als einem Dollar am Tag zu existieren - eine
lebensbedrohliche Situation. Nach Angaben der Vereinten Nationen erfuhren
100 der 147 Länder, die als «Entwicklungsländer« eingestuft werden, in
den vergangenen 30 Jahren einen „bedenklichen wirtschaftlichen Abstieg“.
Die Verarmung ganzer Bevölkerungen in großen Gebieten
der Erde ist nicht die Folge von «Naturkatastrophen«, sondern geht
direkt auf das Wirken der Finanzmärkte und die «Strukturanpassungsprogramme« des Internationalen
Währungsfonds (IWF) zurück. Diese werden im Auftrag und zugunsten der
Banken und großen internationalen Finanzinstitutionen durchgeführt mit dem
Ziel, die besten Bedingungen für die Herrschaft des internationalen
Kapitals zu schaffen.
Trotz eines massiven Schuldendienstes, der enorme
soziale Kosten mit sich brachte steigt das Niveau der Verschuldung. 1990 lag
die addierte Schuldenlast der Entwicklungsländer bei 1,4 Billionen Dollar,
1997 war sie auf 2,17 Billionen gestiegen. In Afrika betrug die Verschuldung
370 Dollar pro Bewohner des Kontinents. In einigen Ländern überstieg die
Verschuldung das Vierfache des Bruttoinlandsprodukts. 1998 bezahlten die
Länder der Dritten Welt täglich 717 Millionen Dollar an die großen Banken
und Finanzinstitutionen zurück.“ (Gleichheit, Nr. 7/8 2000 )
Das
marxsche Verelendungsgesetz
Die Gesetzmäßigkeit der Verelendung im Kapitalismus,
dass von Marx gefundene „Allgemeine Gesetz der kapitalistischen
Akkumulation“ (siehe Karl Marx, Das Kapital, Band I), auch bekannt als
Verelendungstheorie, lässt sich in einzelnen Ländern eben so
nachvollziehen, wie im Weltmaßstab. Es besagt, dass die Arbeiterklasse
durch eine relative Übervölkerung ans Kapital geschmiedet wird. Diese relative
Übervölkerung ist die Arbeitslosigkeit. Das Gesetz der Verarmung
lautet:
„Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das
funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die
absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit,
desto größer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft
wird durch dieselben Ursachen entwickelt wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verhältnismäßige Größe der industriellen
Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. Je größer aber
diese Reservearmee im Verhältnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter
die konsolidierte Übervölkerung, deren Elend im umgekehrten Verhältnis zu
ihrer Arbeitsqual steht. Je größer endlich die Lazarusschichte der
Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der
offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der
kapitalistischen Akkumulation.
Es wird gleich allen anderen Gesetzen in seiner Verwirklichung
durch mannigfache Umstände modifiziert, deren Analyse nicht hierher gehörte."(80)
Der wesentliche Zusammenhang den Marx hier ausdrückt
ist der zwischen dem Wachstum des gesellschaftlichen Reichtums und der Höhe
der Arbeitslosigkeit. Von der Größe der Arbeitslosigkeit wiederum schließt
er auf die Größe der Armutsbevölkerung. Mit dem Reichtum wächst die
Arbeitslosigkeit und mit der Arbeitslosigkeit wächst die Armut.
Diese globale Erscheinung wird von vielen Menschen in
den Metropolen verdrängt. Doch es gibt auch schon Gegenbewegungen, die
kontinental oder sogar weltweit zusammenwirken.
Ich erinnere an die Euromärsche gegen Erwerbslosigkeit
und Sozialabbau, die nun schon seit einigen Jahren stattfinden und die im
Dezember in Nizza stattfanden. Des weiteren gibt es mit einem Höhepunkt in
Seattle eine Protestbewegung gegen IWF und Weltbank. Auch in Prag (und
Davos) gab es massive Demonstrationen, die die hohen Herren des Weltkapitals
in Prag zum frühzeitigen Abbruch ihrer Versammlung nötigten.
Nationale Reflexe
Die nationale Argumentation mit der sich manche Gegner
des Weltkapitals zu Wort melden führt uns zum letzten Abschnitt des
Artikels.
Michel Chossudovsky, ein Professor aus Kanada, der
interessante Analysen zur Rekolonialisierung des Balkan anstellte, vertritt
eine Richtung, die eine Stärkung des Nationalstaates als Gegenpol zur
Internationalisierung des Kapitals fordert. Die einen wollen eine
Reformierung, die Revolutionäre eine Zerschlagung und Beseitigung von IWF
und Weltbank. Ins Gespräch kommt nun immer mehr die nationale Abschottung
und die Stärkung des nationalen kapitalistischen Marktes. Solche
Forderungen, da stimme ich Nick Beams voll zu sind rückschrittlich, im
wahrsten Sinne reaktionär. Es gibt keine nationalen Lösungen mehr,
wirkliche Lösungen können nur internationalen Charakter haben. Das Problem
des Kapitalismus ist nur weltweit zu lösen, da gilt es die weltweite Sicht
und sozialistische Perspektive der Oktoberrevolution wieder aufzunehmen.
Die
Funktion nationaler Kategorien
Die nationale Denkweise hat als materiellen Kern den bürgerlichen
Staat, seine bewaffneten und unbewaffneten Organe und das Territorium. Da
heute in Europa internationale Gesetze und Regelungen gelten, ist der
Nationalstaat nicht mehr alleiniger Gesetzgeber. Die Kontinentalisierung der
Ökonomie und Politik hat aber viele Köpfe noch nicht erreicht, auch viele
Linke hinken, was mit der Geschichte des Stalinismus zu tun hat, der Zeit
hinterher oder sie ziehen sich in nationalen Gefühlbastionen zurück.
Kaiser-Wilhelm-Bewusstsein
Ich zitiere aus meinem Artikel zu Nationalismus und
Religion: „Der nationale Gedanke soll als Überbau über der
Klassengesellschaft eine Einheit suggerieren, die es so in der sozialen
Realität nicht gibt. Er ist ein Ideal, dass gerade noch zum gemeinsamen
Jubel für die Fußballnationalmannschaft taugt, deren Leistung, das aber
oft auch wieder nicht zulässt.
Der nationale Gedanke ist eben ein Gefühl, dass von
der sozialen Wirklichkeit konterkariert wird. Denn während die reiche
Kapitalistenklasse und ihre intellektuellen und staatlichen Zuarbeiter
materiell sehr gut bis super luxuriös dastehen, gibt es in den
kapitalistischen Ländern millionenfache Arbeitslosigkeit und Millionen
Menschen die unter Armutsbedingungen leben müssen oder wenig zum Leben
haben.“
Die Nation unterdrückt das Selbstbewusstsein der
unterdrückten Klasse. Der Staat ist ein Klassenstaat, der von der
Bourgeoisie beherrscht wird. Jede Identifikation mit der Nation bedeutet
eine mit der herrschenden Klasse und ihrer Nationalpropaganda.
Die von der rechten Bourgeoisie vorgegebene „deutsche
Leitkultur“ ist Ausdruck einer gewollten Zwangsverdeutschung aller
Einwanderer. Die Faschisten bezeichnen diejenigen als „undeutsch“, die
ihren Nationalwahn nicht teilen. Das wollte die PDS-Führung nicht auf sich
sitzen lassen, sie hüllt sich in nationale Floskeln, Bilder und Töne und
die neue Vorsitzende bekundete ihre patriotische Liebe. Solches Kaiser
Wilhelm-Bewusstsein versucht der PDS-Autor Höpcke theoretisch zu
untermauern, wenn er seiner Parteifreundin Zimmer mit einem
pseudomarxistischen Konstrukt beispringt. (abgedruckt in junge Welt)
Marx und die Nation
Höpcke glaubt, die Leser und Leserinnen wären durch
patriotische Zitate von August Bebel von vor hundert Jahren einzulullen.
Dann wird von Fritz Teppich und ihm so getan, als sei aus marxistischer
Sicht der Boden des Klassenkampfes national zu verorten. Eine ähnliche
Position wird auch in der Kommunistischen Plattform München vertreten, wie
ich in einem Briefwechsel mit Nick Brauns feststellen musste.
Als Grundlage für eine derartige nationale,
sozialistische Politik wird das Kommunistische Manifest herangezogen, was
natürlich nur möglich ist, wenn man die Zitate wohl auswählt und ihres
Zusammenhangs entreißt. Im Manifest wird die heute festgestellte
Globalisierung schon angekündigt. Zurecht prangert das Manifest die
„nationale Einseitigkeit und Beschränktheit“ und „Borniertheit“ an
und wendet sich von „nationaler Selbstgenügsamkeit“ ab. Im Punkt 29
meines Beitrags zum „völkischen Wahn“ (siehe Mak, Nr.10) habe ich
darauf hingewiesen, dass nationale Sozialismuskonzeptionen im Widerspruch
zum Manifest stehen.
Den Klassenkampf allein auf nationalem Boden zu
verlangen ist dummer Anachronismus. Schon im Manifest hieß es, der Kampf
sei zunächst ein nationaler und das der Form nach.
Patriotische Zielstellungen und Liebesbekundungen sind aber Inhalt
und nicht Form. Die Arbeiter haben kein Vaterland, erst
die unmarxistische Konzeption vom sog.- „Sozialismus in einem Land“
unter Stalin hat den Arbeitern ein Vaterland beschert. Die Stagnation und
die schließliche Niederlage des Stalinismus hatte mit dieser nationalen
Begrenztheit zu tun, die nicht aufgebrochen, sondern durch den
deformierten Sowjetstaat und seine Außenpolitik zementiert wurde.
Heute kämpfen Arbeiter und ArbeiterInnen gemeinsam und
grenzüberschreitend gegen Arbeitsplatzvernichtung. Bleibt der Klassenkampf
heute national borniert, verbindet er sich nicht international, dann werden
Belegschaften gegeneinander ausgespielt. Es heißt ja im Manifest auch nicht
„Arbeiter eines Landes vereinigt euch“, sondern „Proletarier aller Länder
vereinigt euch“.
Die später gemachten Zusätze, die auch die „Völker“
und „Nationen“ mitvereinigen wollten waren nach meiner Meinung
unmarxistische Verfälschungen, die das weltweite Klassendenken schwächten
und zerstörten. Das Proletariat geht mit seines Gleichen Bündnisse ein.
Wird es ins Bündnis mit Teilen der Bourgeoisie gedrängt, dann wird sein
Befreiungsziel verraten. Die Unterdrückten können nur als Klassen
ihr gemeinsames Interesse an der Überwindung des Kapitalismus ausdrücken
und erstreiten. Völkische oder nationale Bestimmungen des Kampfes sind
radikal zu verwerfen. Warum? Das „Volk“ besteht immer, solange es
Klassengesellschaften gibt, aus Gruppen, deren Interessen sich unversöhnlich
widersprechen. Während die bürgerliche Klasse (seien es Fabrik–,
Grundbesitzer oder Großaktionäre) kein Interesse an der Aufhebung des
Privateigentums an den Produktionsmitteln hat, sind die Lohnabhängigen und
Arbeitslosen zu ihrer Befreiung daran interessiert das Privateigentum zu überwinden
und eine Gesellschaft des gemeinschaftlichen Eigentums zu bilden.
Dies ist ein objektives Interesse, dass von der Arbeiterklasse aber heute
noch nicht so gesehen wird. Der wesentliche Grund dafür ist, dass es keine
politische Kraft gibt, die diese Erkenntnis verbreitet und den Arbeitern
vermittelt.
Das Befreiungsziel ist nicht national, sondern
weltweit. Es ist dem Inhalt nach die Beseitigung des Privateigentums
an den Produktionsmitteln und die Schaffung einer weltweiten demokratischen
Planwirtschaft, die es allen Menschen auf dem Planeten ermöglichen
soll, gut und in Frieden zu leben.
Um dies zu erreichen brauchen die Unterdrückten eine kosmopolitische,
humanistische Herangehensweise. Begrenzende Ideologien, die den Menschen
zum Sklaven seiner Einbildung machen, sind der Spiegel der realen
Versklavung im kapitalistischen Arbeitsprozess. Die Versklavung zu überwinden
heißt eben zuerst das Sklavendenken zu überwinden.
Die Gottheiten und die zur Anbetung erhoben
Nationalvorstellungen sind endlich – wenn die Unterdrückten sich darüber
klar werden, dass sie ihre selbst produzierten Vorstellungen überwinden können.
Wenn sie der Entfremdung von sich selbst gewahr werden, die Menschen sich
selbst genügen und nicht ihre Identität in Vorstellungswelten (z.B. Göttern
und Vaterländern) suchen, dann werden die Unterdrückten alle
Repressionsverhältnisse zerschlagen und die Menschheit kann sich selbst im
Kampf für eine kommunistische Gesellschaft wiedergewinnen und ihre
eigentliche Geschichte beginnen.
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