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Rote Hilfe Göttingen Infomail 24.07.01

Der Mail lag eine erschütternde Bilderserie von den Todesschüsen auf Carlo Giuliani bei, die ihr zusammen mit den übersetzten Begleittexten hier findet.>>>
(Anm.:Bildunterzeile funktioniert in Netscape leider noch nicht.)

Polizeiterror und agents provocateur

Hallo liebe GenossInnen und FreundInnen!

Die meisten Medien lögen oder käuen die Polizeiberichte wieder. Darum müssen wir selber für Gegenöffentlichkeit und gemeinsame Solidaritätsstrukturen sorgen!

Wie ihr sicher alle schon mitbekommen habt, gab es in Genova schwere Polizeiübergriffe und brutale Misshandlungen gegen GipfelgegnerInnen. Am letzten Freitag wurde der italienische Genosse Carlo Giuliani durch zwei gezielte Kopfschüsse aus nächster Nähe von einem Carabiniere ermordet. (Siehe dazu auch die als Anhang mit versandten Bilder.)

Am selben Abend und am folgenden Samstag ging die Polizei mit äußerster Brutalität gegen Teile der DemonstrantInnen vor. Dabei setzte die Polizei (mittlerweile durch Fotos und einen Bericht im italienischen Staatsfernsehen belegt) auch Polizeibeamte in "szenetypischem Outfit" als Agent Provocateur ein, um die Stimmung unter den DemonstrantInnen anzuheizen und Konflikte zwischen den einzelnen an der Demonstration beteiligten Strömungen zu erzeugen. An diesem Tage mußten etliche Personen wegen das dauernden Beschusses mit Reizkampfstoffen in stationäre Behandlung eingeliefert werden.

Am Sonntag morgen (als also schon sämtliche Demonstrationen beendet waren und der Großteil der GipfelgegnerInnen Genova schon verlassen hatten) wurde von der Polizei das alternative Pressezentrum der GipfelgegnerInnen sowie eine gegenüberliegende Turnhalle, die als Schlaf- und Ruheraum genutzt wurde, gestürmt. Dabei hat die Polizei ein regelrechtes "Massaker" unter den dort befindlichen Leuten angerichtet (siehe dazu den unten angefügten Bericht). Es gab mehrere Schwerstverletzte, einzelne Personen schwebten gestern noch in Lebensgefahr. Auf www.germany.indymedia.org sowie bei www.italy.indymedia.org sind Bilder zu finden, die direkt nach dem Überfall aufgenommen wurden: die Wände und der Boden waren voller Blut, wie in einem Schlachthaus...

Am Montag wurden in und um Genua willkürlich Personen festgenommen, teilweise bei der Heimfahrt gestoppt und ohne Mitteilung von Gründen festgenommen oder aus Restaurants und Cafés in Genova heraus verhaftet.

Unseres Wissens sind in Italien aus dem deutschsprachigen Raum noch 68 Personen deutscher Staatsangehörigkeit, 16 österreichischer und 8 schweizer Staatsangehörigkeit inhaftiert. Ein direkter Kontakt zu AnwältInnen oder Angehörigen besteht für die meisten bisher nicht. Viele der Gefangenen wurden von der Polizei gefoltert oder entwürdigenden Maßnahmen ausgesetzt. Einige Personen wurden gestern noch vermisst (aktueller Stand ist uns nicht bekannt), zu ihnen gab die Polizei keine Stellungnahme ab; unter den Vermissten befindet sich eine Journalistin der Tageszeitung "junge Welt" sowie ein Demo-Sani aus Göttingen.

In der BRD wie auch in anderen Ländern gab es kleinere und größere spontane Solidaritätsaktionen: Demonstrationen, Mahnwachen, Besetzungen von SPD-Parteibüros und des ZDF-Büros in Berlin, direkte Aktionen gegen Filialen von Großbanken und multinationalen Konzernen, Aktionen vor italienischen Botschaften und Konsulaten...

Wir möchten die Solidaritätsarbeit unterstützen und rufen dazu auf, bei den italienischen Konsulaten in der BRD zu protestieren, ob nun direkt (soweit das bei dem momentanen Objektschutz der entsprechenden Gebäude zur Zeit möglich ist) vor Ort oder per Brief/Fax/Email/Telefon.

Beteiligt euch bitte auch an diesen Aktionen!

italienische Vertretungen in der BRD:

- ital. Generalkonsulat Hamburg:
Feldbrunnenstraße 54, Hamburg (nahe U-1 Hallerstraße)
Tel: 040/4140070

Email:
congen@italconsul-hamburg.de
passaporti@italconsul-hamburg.de
commercio@italconsul-hamburg.de

- ital. Generalkonsulat Köln:
Universitätsstraße 81, Köln
Tel: 0221/40087- 0, -12, -34, -31, -16, -19   
Fax: 0221/400877

Email: italcons.colonia@t-online.de

Für die Unterstützung der Gefangenen hat die Rote Hilfe e.V. ein bundesweites Solidaritätskonto eingerichtet:

Rote Hilfe e.V.
Konto 19 11 00 462
Postbank Dortmund
BLZ 440 100 46
Stichwort: Genova-Gefangene

Die unten angegeben Ermittlungsausschüsse (EA) sammeln Infos über die aus Deutschland kommenden Verhafteten und Vermissten. Hier könnt ihr euch melden, falls ihr noch Leute vermißt oder etwas Neues über die Gefangenen wißt:

EA Berlin : Tel: 0049-30-69 22222
EA Muenchen: Tel: 0049-89-44 89 638
EA Oberhausen/Druckluft: Tel: 0049-208-85 24 54

Aktuelle Infos zu den Gefangenen in Genua und zu Solidaritätsaktionen findet ihr auch unter folgenden Email-Adressen (dort auch immer die aktuellsten News):
www.germany.indymedia.org
www.austria.indymedia.org
www.italy.indymedia.org (in italienisch/englisch)

Wir werden euch auch weiterhin auf dem Laufenden halten, wenn sich etwas Neues ergibt.

Unsere Gedanken gelten Carlo und den Gefangenen, die noch in den Knästen und Polizeiwachen mißhandelt werden! - Nichts ist vergessen und niemand!!!

Mit solidarischen Grüßen

Eure Rote Hilfe Göttingen
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Bericht vom Ueberfall in Genua (aus www.germany.indymedia.org vom 24.07.2001 13:34)

Bericht von dem Ueberfall auf die Schule Diaz in Genua in der Nacht von Samstag auf Sonntag.

Eine Delegation besuchte gestern das Frauengefaengnis in Vercelli. Auch dort wird von Misshandlungen berichtet.

Am Samstag, den 21.7.2001 um 23.56 Uhr haben Sondereinheiten der Carabinieri und der italienischen Polizei (ca. 200 Beamte) die Schule Diaz, in der GegnerInnen des G8-Gipfels uebernachteten, gestuermt. Die Polizeibeamten haben eine Seitentuer eingeschlagen und sind mit lautem Gebruell in das Gebaude gestuermt. Sekunden spaeter konnten Leute vom gegenueberliegenden Independent Media Center lautes Geschrei vernehmen. Die in der Schule Anwesenden wurden brutal zusammengeschlagen und schliesslich alle verhaftet. Ein Grossteil der Leute in der Schule wurde von SanitaeterInnen auf Bahren hinausgetragen. Sie waren schwer verletzt und blutbeschmiert, viele hatten Kopfverletzungen. Einige waren bewusstlos. Die allerwenigsten waren noch in der Lage zu laufen. Im Gebaude selbst wurde alles verwuestet, die 5 Computer kaputtgeschlagen, saemtliches Gepaeck ausgeschuettet, Geld und Reiseausweise sowie Kameras etc. geklaut.

Nachdem alle in Krankenhaeuser und Knaeste abtransportiert worden waren, wurde bei der Besichtigung des Gebaudes ueberall Blut gefunden. Blut zwischen den Schlafsaecken, Blut auf den Klos, Blut im Treppenhaus. Ueberall, wo die Polizei Leute erwischt hat, die noch zu fliehen versucht haben, wurden sie auf der Stelle zusammmengeschlagen und misshandelt. Mehrere Personen wurden lebensgefaehrlich verletzt.

Nach Presseangaben vom Sonntag wurden in der Schule 66 Personen festgenommen, 50 davon verletzt. Heute wird berichtet, dass bei der gesamten Operation 93 Personen festgenommen wurden, das schliesst auch die Leute ein, die sich in den umliegenden Strassen oder vor der Schule aufhielten. 15 ItalierInnen wurden freigelassen. Die verbleibenden 78 Personen aus unterschiedlichen Laendern sind noch in Haft.

Nach Angaben einer Krankenhausangestellten aus dem San Martino Krankenhaus in Genua waren die Verletzten in einem unvorstellbarem, furchtbarem Zustand. Sie berichtete von multiplen und komplizierten Frakturen, eingeschlagenen Schaedeln und ausgeschlagenen Zaehnen. Viele befanden sich in einem Schockzustand, waren kreidebleich, kaum ansprechbar und hatten Angst, ueberhaupt beruehrt zu werden. Nach ihren eigenen Angaben hatte sie so etwas noch nie erlebt oder gesehen.

Wir wissen sicher von Eltern, die vom Auswaertigen Amt informiert wurden, dass in einem Fall ein Mann an der Schaedeldecke operiert werden musste. Inzwischen muss er nicht mehr kuenstlich beatmet werden. In einem anderen Fall wurden die Eltern informiert, dass sich ihr Sohn nicht mehr in Lebensgefahr befindet. Mehr Informationen wurden den Eltern nicht gegeben. Einer anderen Person, einem Briten, wurden die Rippen gebrochen, was zu schweren Lungenverletztungen fuehrte.

Es gibt bisher keine gesicherten Informationen ueber den Verbleib aller in der Schule Verhafteten. Bei vielen Leuten ist immer noch nicht klar, wo sie sich befinden, im Krankenhaus oder im Gefaengnis. Viele wurden auch zuerst ins Krankenhaus und danach ins Gefaegnis gebracht. AnwaeltInnen durften bisher niemand sehen, die Krankenhauser gleichen Polizeifestungen, niemand durfte rein. Der Schwester eines Schwerverletzten wurde gestern (23.7.) abend der Krankenbesuch verweigert.

Am 23.7. besuchte eine Delegation, bestehend aus dem Europaabgeordneten Luigi Vinci von der Partei Rifondazione Comunisti, einem Mitglied eines Sozialen Zentrums aus Mailand sowie einer Dolmetscherin aus Deutschland, den Frauenknast in Vercelli. Wir geben hier einen Bericht der Dolmetscherin wieder:

"Von den verhafteten Frauen aus der Schule befinden sich 6 im Gefaengnis von Vercelli, mit 4 von ihnen wurde gesprochen: Nach einem 5-minuetigen Gespraech mit ihnen gibt es folgende Kurzeinschaetzung:

Alle Frauen gaben an, in der Schule geschlagen worden zu sein. Weiterhin erzaehlten alle Frauen, dass der Zustand der Maenner aus der Schule Diaz in jedem Fall schlimmer sei. Sie geben an, dass die Maenner die ganze Nacht auf dem Polizeirevier weiter gefoltert worden sind, da sie die ganze Nacht von Ihnen Schreie gehoert haben. Sie selber sind auf dem Polizeirevier weiter schikaniert worden: Beschimpfungen, Schlaege und Tritte beim aufs Klo gehen. Sie sagen alle aus, dass sie relativ gut bei weggekommen sind. Im Gefaengnis ist die Behandlung besser als bei den Bullen. Ihnen wurde teilweise erlaubt, Anrufe zu machen. Sie sind in 2-3 Zellen weitgehend (ausser 1 Person) nach Staatsangehoerigkeit geordnet.

Fast allen Frauen wird oeffentlicher Widerstand vorgeworfen. Mindestens ein Mann, der der Polizei nicht mehr bekannt ist, soll eine Angklage wegen versuchten Mord (Homicide) bekommen.

Eventuell wurden Roentgenaufnahmen aus dem Krankenhaus konsfiziert."

Weiterhin traf die Dolmetscherin Italienerinnen, die bereits Samstagnachmittag verhaftet worden waren. Sie wurden gestern aus Vercelli entlassen. Sie berichten folgendes:

Sie selbst wurden auf dem Bullenrevier in Genua nicht geschlagen. Sie mussten sich jedoch 19 h mit den Haenden erhoben ohne Essen und Trinken an eine Wand stellen. Sie gaben an, dass die Bullen offen organisierte Faschisten waren. Es gab permanente Beschimpfungen wie "scheissjuedische Zigeunerin", "Hasta la victoria sempre" mit gleichzeitigem Hitlergruss, weiterhin wurden Mussolinibilder an den Waenden gesehen.

Einer Person, der vorher die Beine gebrochen worden, konnte nicht an der Wand stehen, wurde weiter geschlagen bis sie sich irgendwie hingestellt hat. Die Bullenfrauen waren teilweise schlimmer als die Maenner. Haben die Frauen an den Haaren gezogen und gerissen. Sie wurden von den Festgenommenen Als "totale Psychopatinnen" bezeichnet. Weiterhin berichteten sie, dass Traenengas in die Zellen geworfen worden ist. Eine Person hat daraufhin Blut erbrochen.

Alle Inhaftierten bitten darum irgendwie Druck auszuueben und zu helfen !!!!

Hier endet der Bericht der Dolmetscherin. Die Gefangenen sitzen seit 60 Stunden im Knast (Stand Dienstag, 24.7., 12.00 Uhr)

Weitere Informationen:

Am Montag wurden insgesamt noch min. 38 Personen in und um Genua oder an der Grenze festgenommen. Es ist gefaehrlich sich zur Zeit in Genua aufzuhalten. Sie haben in Bars und Kneipen nach auslaendischen Leuten gesucht. Einige wurden bereits wieder entlassen. Anderen drohen Haftbefehle wegen Pluenderung und Verwuestung.

Alle in der Schule Verhafteten haben morgen (25.7.) einen Haftpruefungstermin und kommen evtl. frei.

Insgesamt waren gestern noch 570 Personen im Krankenhaus und ueber 100 im Knast. Wir haben eine Liste mit 60 Deutschen und weiteren 32 Gefangenen aus 12 unterschiedlichen Laendern.

Die Gefangenen befinden sich in folgenden Gefaengnissen:

Alessandria, Pavia, Vercelli und Voghera und Genova.

Bericht der italienischen Zeitung Corriere della Serra (Zahl der Verhafteten siehe oben) ueber den Blitz-Ueberfall auf die Schule Diaz vom 24.7. , Seite 5:

Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter in der Angelegenheit Blitz. Die Namen eines Grossteils der noch 78 verbliebenen Gefangenen sind den jeweils fuer sie zustaendigen Behoerden aus 13 Laendern uebergeben worden. Sie wurden bisher wg. Fluchtgefahr nicht freigelassen. Es gibt eine Reihe italienische PolitikerInnen, die mit den Gefangenen sprechen und wissen wollen, ob es wahr ist, dass sie, die Gefangenen und in der Schule sich befindlichen Personen von der Polizei misshandelt worden sind. Der Staatsanwaltschaft wurden die Festnahmen erst am Sonntag um 18.30 uebermittelt, also erst 18,5 Stunden nach dem Ueberfall. Die Staatsanwaltschaft bezeichnete die ganze Durchsuchung als "peinlich". Die Familien haben zum Teil keine Nachrichten und Informationen ueber den Gesundheitszustand/Haftgrund/Aufenthaltsort u.s.w. ihrer Toechter und Soehne.


Aktuelle Meldung vom 24.07.2001 16:01 (aus www.germany.indymedia.org gefischt)

auswärtges amt: 68 deutsche inhaftiert

auswärtiges amt spricht von 68 inhaftierten deutschen. die pds-bundestagsabgeordneten angela marquardt, carsten hübner und wolfgang gehrcke haben das auswärtige amt aufgefordert, informationen über die zahl der inhaftierten und veletzten demonstrant/innen in genua mitzuteilen. außerdem soll sich das aa zu den vorwürfen äußern, bezüglich der misshandlungen in den gefängnissen und beim überfall auf die schule in diaz. das aa soll auch sagen, wie es zu reagieren gedenkt. auch die mdb's ulla lötzer, petra pau und winfried wolf forderten eine aufklärung der vorfälle.

das aa teilte unterdessen mit, dass sie von 68 inhaftierten deutschen wüssten. deutsche konsularbeamte aus mailand und rom seien bereits am wochenende nach genua entsandt worden und stünden im engen kontakt mit den italienischen behörden.

wortlaut der presseerklärung des aa:

"die konsularbeamte besuchen und betreuen zur zeit vor ort die deutschen staatsangehörigen, die z.t. noch in krankenhäusern und in 4 gefängnissen im raum genua inhaftiert sind. denjenigen inhaftierten, die konsular.-betreuung akzeptieren, helfen die konsularbeamten u.a. bei der benachrichtigung von angehörigen, mit der vermittlung von rechtsanwälten und dolmetschern, bei der köärung von fragen der medizinischen u. anderen versorgung. die unterrichtung von familienmitgliedern der inhaftierten ist inzwischen fast ausnahmslos erfolgt."

es kann nicht schaden, dass aa, die deutschen konsulate und natürlich immer wieder die medien mit den bekannt gewordenen folterungen und übergriffen zu konfrontieren und öffentlichkeit herzustellen.


Email der Roten Hilfe Göttingen:
rote-hilfe-goettingen@web.de

AntiRepressionsarbeit kostet Geld! Unser Spendenkonto lautet: Rote Hilfe Göttingen, Konto 350 670 309, Postbank Hannover, BLZ 250 100 30 (bei zweckgebundenen Spenden Stichwort nicht vergessen!)

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