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| Februar 2002 | kontakt@okf-sued.de |
ReplikGruppe "Spartakus" verteidigt faschistische TalibanVon Heribert Sommer
1. "Spartakus" verkennt Charakter der TalibanDie Gruppe Spartakus widmet sich in ihrer Publikation Bolschewik dem Thema "Allah, Afghanistan und Antiimperialismus". Die auf dieser Website (www.okf-sued.org) von der Redaktion Marxistische Kritik bezogene Position zum Bürgerkrieg und der US-Intervention in Afghanistan wird verfälschend als "antikommunistisch" bezeichnet. Ohne ihre eigene Umdefinition des Begriffs "kommunistisch" zu erklären, wird dieser unterschwellig mit dem in der Linken verbreiteten Antiimperialismus und Antiamerikanismus gleichgesetzt. Ein Muster, das auch von stalinistischen Gruppen bekannt ist. "Spartakus" zieht in Zweifel, dass es sich bei den islamistischen Taliban und al-Qaida um Faschisten handelt. Dieser Begriff wurde von uns nicht leichtfertig verwendet. In einem ausführlichen Beitrag zum Charakter des Krieges (08.12.01) wurde ein Vergleich der Ideologie und Praxis von Nazis und Islamisten gezogen. Das Ergebnis ist inzwischen auf dieser Seite auch in einer übersichtlichen Tabelle zusammengefasst. Die Behauptung von Spartakus, der Begriff Faschismus "bleibt unklar" und würde von uns "inflationär" benutzt, ist vollkommen haltlos und wird von unseren Veröffentlichungen widerlegt. Mit ihrer Tirade versucht die Gruppe "Spartakus" nur die Tatsache zu verdecken, dass sie in der Auseinandersetzung Partei für die faschistische Seite ergriffen hat. "Spartakus" behauptet: "...Revolutionäre müssen eine Position der bedingungslosen militärischen Verteidigung jedes neo-kolonialen Ziels imperialistischer Angriffe vertreten." Das entspricht der Position der Ultra"trotzkisten" der ITO, die eine "gemeinsame militärische Front" mit den fanatischen Antisemiten und Antikommunisten der Taliban bilden wollten. Wobei sicher ist, dass ihre Freiwilligen von den Taliban am nächsten dürren Baum aufgehängt worden wären. Es ist gut, dass diese Gruppen keinen wirklichen Einfluss haben, denn sonst würden sie engagierte KommunistInnen und fortschrittliche Menschen mit ihrem politischen Vabanquespiel sinnlos in den Tod treiben.
2. "Spartakus" verzichtet auf Kritik der faschistischen IdeologieEin Wesensmerkmal des Faschismus ist eben nicht nur, dass es sich um eine Massenbewegung handeln muss, wie Spartakus banal unterstellt. Es gibt zahlreiche ideologische Merkmale (Antisemitismus, Antikommunismus, Kriegsgeilheit, antidemokratisch, antizivilisatorisch, antiwestlich), sozial stützen sich Faschisten auf das Kleinbürgertum, sie errichten eine bonapartistische Herrschaft und es handelt sich um eine historisch-regressive Herrschaftsform auf kapitalistischer Stufe. Doch von Ideologiekritik ist bei Spartakus keine Spur. In völliger Verkennung der materiellen Realität verneint Spartakus, dass die Terroranschläge von New York und Washington ein "Angriff auf die USA" waren. Dies kann nach dieser eigenwilligen Lesart allein deshalb nicht richtig sein, weil es der "gleiche Sprachgebrauch" wie der der US-Regierung sei. Diese Gruppe meint, es sei mit ihrem Marxismus schon genügend gesagt, wenn sie den einen Satz in den Raum stellen: "Wirkliche Marxisten lehnen den Terrorismus gegen Zivilisten grundlegend ab." Für Spartakus folgt daraus aber keine Kritik des Terrorismus und faschistischen Islamismus, sondern eine Kritik der USA, die nicht der "Anwalt der Opfer des WTC" sein dürften. Der Satz mit den "wirklichen Marxisten" ist also nichts weiter als eine hohle Phrase, denn konsequenzlose Bekenntnisse sind für den Lokus. Es ist nicht richtig, dass wir den "imperialistischen Charakter des Krieges nicht erkennen", denn da war nichts zu erkennen. Der Beweggrund der USA war Vergeltung für eine provokante, wiederholte antisemitische Attacke gegen Zivilisten auf US-Territorium. Denn uns ist natürlich klar, dass im WTC arbeitende Menschen und Kapitalisten aus vielen Ländern ermordet wurden. Gerade dieser weltoffene, metropole Charakter war ein Grund für den antisemitischen, religiös-fanatischen Anschlag der al-Qaida. Aber von Antisemitismus und der barbarisch-antiemanzipatorischen Haltung der Taliban/al-Qaida ist bei Spartakus nicht die Rede. Spartakus behauptet, die Bezugnahme auf die Verantwortung der deutschen Bourgeoisie sei "kein marxistischer Grund". Man kennt keine Verantwortung bei den "wirklichen Marxisten" und die Realität interessiert auch nur am Rande. Wir schrieben am 13.11.01: "Das Bundeskabinett hat den USA die Entsendung von Truppen zugesagt. Ohne Rücksicht auf die Eroberungskriege, die von den Deutschen in den letzten Jahrhunderten geführt wurden, sollen Soldaten zum Kriegseinsatz in alle Welt geschickt werden. Die herrschende Klasse will damit ihr politisches Gewicht in der Welt verstärken." Aber historische Gründe werden von den angeblich "wirklichen Marxisten" nicht anerkannt. Da muss man an den Walser denken, der von Auschwitz und Kriegsschuld auch nichts mehr hören will.
3. Pauschale Schuldzuweisung ist antisemitischDie dogmatische Gläubigkeit, zu der die Gruppe Spartakus ihre LeserInnen aufruft, klingt so: "Marxisten sollten wissen, dass es keinen neutralen Imperialismus gibt. Die Imperialisten verfolgen ihre Interessen weltweit und haben daher immer eine ‚direkte Verantwortung'." Folgt man diesem plumpen Dogmatismus, dann erübrigt sich jede Untersuchung der konkreten Realität. Aber - wie Lenin nicht müde wurde zu betonen: "Die Wahrheit ist immer konkret." Natürlich verfolgen die Imperialisten ihre Interessen, wir haben das niemals bestritten. Eine "direkte Verantwortung" für etwas hat jemand oder eine Gruppe nicht weil er Jude, weil er Amerikaner oder weil er Imperialist ist. Wer behauptet, die Imperialisten seien immer "direkt verantwortlich", der ist genauso differenziert wie ein Antisemit, der behauptet, Schuld sind immer die Juden. Eine marxistische Gruppe muss die konkrete Verantwortung einer Person oder Gruppe (auch Staat, Klasse) konkret nachweisen. Wird die Verantwortung nur pauschal postuliert, betreibt sie Gegenaufklärung, denn sie wird Vertreter einer Glaubensrichtung im Namen des Marxismus.
4. Deutsche Gründe gegen BombenterrorDie Gruppe gibt die Position der amerikanischen Trotzkisten im 2.Weltkrieg wider, die "proletarische Militärpolitik" betreiben wollten und eine "militärische Ausbildung des Proletariats unter Arbeiterkontrolle forderte". Doch was nützt solche "Forderung", wenn man andere den Kampf gegen die barbarische Unterjochung der Welt führen lässt. Wäre es nach den Trotzkisten gegangen, hätten die USA niemals eine 2.Front gegen den deutschen Faschismus errichtet, was eine wichtige Forderung aller fortschrittlich denkenden Menschen auf der Welt war. Mit Phrasen war den Klassenbrüdern in Übersee nun wirklich nicht zu helfen. Stramm deutsch wird die Argumentation der "Spartakisten", wenn es um den Krieg gegen Deutschland geht. Sie verurteilen den "westalliierten Bombenterror gegen die deutsche Zivilbevölkerung", der sich angeblich vor allem gegen KPD-Hochburgen richtete. Dieser völkische Trotzkismus hätte es wohl lieber gesehen, wenn nur Guernica, Leningrad, Coventry, London, Amsterdam, Lidice, Marzabotto, Stalingrad und hunderte anderer ost- und westeuropäischer Städte von den deutschen Faschisten verwüstet worden wären. Die Alliierten hätten also die deutschen Urheber der Verheerungen schonen sollen. Dann hätten die Deutschen daraus gelernt, dass sie straflos andere Länder überfallen dürfen. Ein pazifistischer Irrsinn ist diese Vorstellung.
5. Kriegsende ist "humanitäre Kosmetik"Die Behauptung, der Einsatz der USA hätte den Afghanis nicht geholfen ist leicht zu widerlegen: "
(Zitat okf-sued.org vom 10.12.2001) Die neue afghanische Regierung ist nicht "bürgerlich-demokratisch". Wir erklärten, dass es in diese Richtung nun wieder eine Chance gibt. Afghanistan wird weiter von reaktionären Islamisten regiert, aber die Voraussetzungen für eine zukünftige Demokratisierung haben sich verbessert. Die Beendigung des Bürgerkriegs war eine wesentliche Voraussetzung, aber die Spartakus haben in ihrem antiimperialistischen Dogmatismus völlig "vergessen" dazu ein Wort zu schreiben.
MaK: "Durch den Sturz der Taliban-Herrschaft gibt es die Chance auf eine bessere Entwicklung in Afghanistan. Jetzt kommt es darauf an, dass die Rechte der Frauen, die kulturellen, zivilen und individuellen Rechte gesichert werden. Eine demokratische Entwicklung verlangt nach dem allgemeinen Wahlrecht und der Freiheit zur politischen Betätigung, es verlangt nach einer Trennung von Kirche und Staat und einer Überwindung der feudalistischen Clansstrukturen in der afghanischen Gesellschaft." (www.okf-sued.org, 10.12.2001)
6. Haben die Menschen, Klassen und Staaten Verantwortung?Auch wenn die Spartakus-Leute die "Idee" verwerfen, das "der Imperialismus heute in unterentwickelten Ländern Fortschritt und Freiheit bringen wird", so zeigen sie mit dieser Äußerung doch, dass sie nicht ganz blind sind. Sie weigern sich die Veränderungen, die nach dem Ableben des Staatsozialismus folgen mussten und die mit dem 11.September offenbar wurden, zur Kenntnis zu nehmen, ahnen aber schon, dass sich was geändert hat. Für die im trotzkistischen Dogmatismus und Stalinismus befangene Linke wird es ein schwerer Prozess zu diesen Erkenntnissen vorzudringen, aber dieser Prozess ist unausweichlich. Die USA werden durch die faschistischen Islamisten (wir haben schon in der MaK betont, das es unter Islam-Gläubigen Demokraten, Liberale und eben auch Faschisten gibt!) in eine Rolle gezwungen, die vorher die Sowjetunion einnahm. Viele sogenannte nationalen Revolutionen waren in der Konsequenz bürgerlich-demokratische Revolutionen, die scheinsozialistische Fassade (der Parteien) konnte darüber in manchen Ländern nur zeitweise hinwegtäuschen (Äthiopien, Angola, Mozambik, Simbabwe, Südafrika, Afghanistan). Man spricht von "state-building process", den die USA als eine Strategie der Weltordnung verfolgen. Die Tatsache, dass die USA und Russland die Situation in Afghanistan hervorgerufen haben - und auf dieses zentrale Argument geht Spartakus wohlweislich nicht ein! - misst ihnen eine Verantwortung für das Schicksal dieses Landes zu. Es ist eben nicht so, dass man den Imperialisten keine Verantwortung (ein Extrem) oder alle Verantwortung (anderes Extrem) zuweisen kann. Die Entstehung von Verantwortung hängt mit der historischen Rolle der Imperialisten zusammen, ergibt sich also konkret. Es lag in der Verantwortung der USA, den von Caspar Weinberger und Reagan angestifteten islamistischen Bürgerkrieg gegen die Nationalkommunisten in Kabul, der in einen Bürgerkrieg zwischen Fraktionen in Afghanistan mündete, zu beenden. Spartakus kritisiert nur die Nordallianz, die sie immer pauschal der Verbrechen zeiht, ohne Differenzierungen zu sehen, ohne ein Wort über die Faschisten-Taliban zu verlieren. Spartakus muss natürlich die Taliban ausklammern, eine selektive Sichtweise an den Tag legen, denn sonst wäre es notwendig etwas über den Bürgerkrieg zu sagen.
7. Gewalt als Geburtshelfer der GeschichteWir verbreiten keine "stalinistische Etappentheorie" - wir haben den Sturz eines faschistischen Regimes unterstützt! Wer in Afghanistan eine proletarische Revolution anzetteln will, dessen Adresse lautet wohl "Wolkenkuckucksheim, Wolke 7", denn es gibt dort kein Proletariat. Alle Ansätze dazu wurden von den Taliban vernichtet - was Spartakus nicht juckt. Diese idealistische Gruppe verkennt die Realität, dass erst die Beseitigung der Taliban die Voraussetzung für die Wiederentstehung einer Arbeiterklasse bietet. Die Gruppe Spartakus gleicht einem Scharlatan, der zur Weltumsegelung aufruft, ohne zu bedenken, dass er dazu ein Schiff braucht. Ein Schiff kann man bauen, aber eine Arbeiterklasse muss über Generationen entstehen.
"Es wäre fatal, wie MAK zu glauben, es gäbe einen Weg zum Sozialismus über siegreiche imperialistische Kriege". Spartakus ist weit davon entfernt, zu erfassen welche Bedeutung Kriege in der Geschichte hatten und leider noch immer haben. Schon Heraklit, der erste Dialektiker stellte fest: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge". Bei Marx/Engels hieß es dann: die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen und die Gewalt ist der Geburtshelfer der Geschichte.
8. Position des historischen FortschrittsSpartakus schreibt zurecht, jedoch ohne die Konsequenzen zu erkennen: "Marx hat z.B. den Krieg Deutschlands gegen Frankreich 1870 als fortschrittlich angesehen, weil er endlich die Ketten des Feudalismus in Deutschland abwarf und zur nationalen Einigung führte." In Afghanistan handelte es sich ebenfalls um einen Krieg, der um die nationale Einheit geführt wurde. Das Land war zweigeteilt, in eine islamische Republik und ein feudales Emirat der Taliban! Wir haben die Intervention der USA zugunsten der republikanischen Islamisten unterstützt, um die Voraussetzungen zu schaffen, die Fessel des Taliban- und Clanregimes abzuwerfen. Die nationale Einigung und die Überwindung des Feudalismus, genau das galt es zu erreichen. Marx und Engels hätten mit hundertprozentiger Sicherheit zum Bürgerkrieg in Afghanistan dieselbe Haltung eingenommen, wie wir es getan haben und tun. Von Beschimpfungen, Unterstellungen und Ausgrenzungsversuchen lassen wir uns dabei nicht beeindrucken. Diesen Charakter des Krieges kann nur bestreiten, wer bestreitet, dass es einen Bürgerkrieg gab, der jahrzehntelang mit ausländischer Einmischung geführt wurde. Deshalb ist es richtig, sich auch auf die Position von Marx zum amerikanischen Bürgerkrieg zu beziehen, was wir getan haben und tun! Auch in diesem Krieg ging es um den Kampf zwischen Feudalismus und Republik. Marx und Engels haben sich immer auf der Seite des historischen Fortschritts eingeordnet, wer das versäumt und stattdessen Faschisten verteidigt, der hat sich vom Marxismus verabschiedet. Wobei wir einräumen, dass die Erkenntnis dieser Tatsachen in Anbetracht weit verbreiteter Antiimperialismus-Dogmen und des Pazifismus nicht einfach ist.
Wir stellen fest: Die Voraussetzung für den Sozialismus ist nicht der islamische Feudalismus mit faschistischer Ideologie, sondern die bürgerliche Demokratie. Schritte in diese Richtung sind zu begrüßen. Redaktion Marxistische Kritik, 2002-02-07
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