www.okf-sued.org

home
Debatte 
  Dezember 2001kontakt@okf-sued.de

Thesen zur deutschen Linken

Nach dem islamistischen Massaker von New York

    1. Pazifismus
    2. Der Ruf nach Frieden und Besonnenheit
    3. Völkische Befreiung als Ende der Möglichkeit auf Emanzipation
    4. Zivilisation und Dialektik der Aufklärung
    5. Deutschland und die Realpolitik

    Ich werde anhand einiger Stichwörter, zu denen mir kritische Ausführungen nötig erscheinen, in die Debatte eingreifen. Es wird anhand dessen zu zeigen sein, dass die deutsche Linke ihrem Vaterlande treu ergeben ist, gerade wenn sie am lautesten behauptet, es nicht zu sein. Die Linke nach 89 ist zu dem verkommen, womit sie, als der Kommunismus zumindest noch denkbar schien, noch nicht vollends identisch war - zum reflexhaft antibürgerlich stänkernden gerechtigkeits- fetischistischen Klein-Klein-Betrieb. Es ist dies die Situation, die die Linke dazu veranlasst die wildesten und durchgedrehtesten Thesen zum 11.9. und den Gegenschlag der USA zu entwickeln, statt einfach den vom völkischen und antisemitischen Vernichtungswahn Angegriffenen (den USA) ihre Solidarität entgegenzubringen und das Recht der USA auf Selbstverteidigung anzuerkennen und zu verteidigen.
    Die Einlassungen sollen diesen Zusammenhang, der mit Gesellschaftskritik rein gar nichts, mit deutscher Ideologie um so mehr zu tun hat, ein wenig beleuchten, nicht mit dem Ziel, Verständnis für linke Wirrheiten zu entwickeln, sondern um diese zu denunzieren als das was sie sind: antiemanzipative, tiefbetroffene Ideologie.
    Vorweg noch eine kurze Bemerkung, zu der vielleicht aufkommenden Frage, warum ich mich in solcher Form, wie ich es tun werde, meinen Beitrag für diese Diskussion vorbringe: Marx hat einmal geschrieben, dass angesichts der Festgefahrenheit der Denkmuster oftmals die Polemik die einzig sachliche Form ist, sich einem Gegenstand zu nähern. Auf die linke Reaktion auf den 11. September und seine Folgen scheint mir dies zuzutreffen.

    Pazifismus

    Ich denke, wir brauchen heute nicht über Pazifismus zu reden. Sollte es doch nötig sein, dürfte sich die Auseinandersetzung mit dem Verweis auf die unbedingte Richtigkeit des Bombardements auf Dresden und die darin befindlichen Volksgenossen durch die Alliierten im 2. Weltkrieg erledigen.

    Der Ruf nach Frieden und Besonnenheit

    Das Ziel des Massakers in den Vereinigten Staaten war Vernichtung. Das Motiv war völkischer und antisemitischer Wahn. Die Täter trieb ein Bewusstsein um, dass als verhängnisvolle Konsequenz bürgerlicher Vergesellschaftung in der Befreiung von allen Möglichkeiten der Emanzipation das Heil sucht. Diese mörderische Melange ist es, die die islamistischen Täter mit den deutschen Besonnenheits-Aposteln eint.
    Mangelnde Besonnenheit im Umgang mit den islamisch-völkischen Kriegern der UCK brachte Jugoslawien den ersten Angriffskrieg der Bundeswehr ein.
    Mangelnde Besonnenheit in Bezug auf antisemi- tische Mordattacken und die Hintermänner der Intifada bringt Israel existenzbedrohende Vermittlungsbemühungen des deutschen Außenministers ein, dessen Dackelgesicht allein schon von jahrzehntelanger Besonnenheitsarbeit zeugt.
    Mangelnde russische Besonnenheit im Kampf gegen die tschetschenischen Volksbefreiungs- banden lässt deutsche Medienvertreter von Vernichtungskrieg faseln und allein dem russischen Atomwaffenarsenal scheint es geschuldet, dass noch kein grüner oder sozialdemokratischer Menschenrechtler den Gerechtigkeitsfeldzug gen Osten gefordert hat.
    Und die Linke? Die Linke ist betroffen. Die Linke pazifistisch, oder antiimperialistisch oder zieht die Grenzen zwischen unten und oben, oder ist bei ATTAC, oder ist für den gerechten Welthandel und und und ...
    Da die Linke nicht willens oder in der Lage ist, die Welt in ihrer verhängnisvollen Verfasstheit zu kritisieren, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sie sich zu erklären. Dies aber ist nichts als ein anderer Ausdruck für Ideologieproduktion, ein anderer Ausdruck für das, was Marx in seiner berühmten Ideologiedefinition als "notwendig falsches Bewusstsein" gebrandmarkt hat. Dass die allumfassende Gleichheit der Tauschsubjekte, das Gesetztsein als freies Subjekt seines Willens, als freier Warenverkäufer sich real als Herrschaft der selbst zum Subjekt gewordenen Abstraktion, als Herrschaft des Kapitals durchsetzt, ist der Linken ein Rätsel. Dieses Rätsel, statt es abschaffen lösen zu wollen, ist ihr Verhängnis. Sich auf die Suche nach denjenigen zu machen, die die Gleichheit untergraben und missbrauchen, die böse, kriegsgeil oder einfach nur geldgierig ein vor der Gleichheit privilegiertes Prinzip verkörpern, wird der Linken zur zweiten Natur.
    Daher das milde Verständnis, das den Massen- mördern von New York entgegengebracht wird, denen zwar angekreidet wird, irgendwie übers Ziel hinausgeschossen zu sein, aber deren Motive doch nachvollziehbar erscheinen. Haben die Attentäter doch, wie es in einem Bamberger Friedensappell heißt, "das World Trade Center als Symbol für den Welthandel und damit für Geld und Macht angriffen". Das Ziel kann man nachvollziehen, ist die Ideologie die Atta und Co. antrieb doch der eigenen an sich selbst irre gewordenen Rationalität so ähnlich. Bringt Bin Laden diesen ganzen Gedankenschrott dann in seiner jüngsten Verlautbarung auf den logischen Punkt, nämlich dass der Weltweite Djihad der Bekämpfung des alles beherrschenden "jüdischen Prinzips" gilt, bringt das die deutsche Linke nicht etwa dazu, verschämt das Maul zu halten, sondern sich in zivilgesellschaftlichen Bla-Bla zu winden. Da schießt halt jemand übers Ziel hinaus.

    Völkische Befreiung als Ende der Möglichkeit auf Emanzipation

    Die repressive Gleichheit der Tauschenden zwingt einen jeden dazu, in sich selbst alles zu vermauern, was in der abstrakten Identität als Tauschsubjekt nicht aufgeht. Die Existenz auf permanent möglichen Widerruf, in der die kapitale Vergesellschaftung die Subjekte vegetieren lässt, sorgt für das Bedürfnis, sich in "natürlichen" Gemeinschaften, Völkern, zusammenzurotten, deren einzige reale Gemeinsamkeit der Wunsch nach Verfolgung und Vernichtung der "Ungleichen" ist. Deshalb ist die völkische Ideologie auch nicht ein Restbestand vorbürgerlicher Zeit, sondern ein Ergebnis bürgerlicher Vergesellschaftung. Die Herrschaft der unverstandenen realen Abstraktionen Geld und Kapital, die im Vollzug des Äquivalententausches von den Subjekten selbst beständig reproduziert wird, sich aber quasi-naturgesetzlich vollzieht, wird als Wirken einer Verschwörung derer halluziniert, die sich der allumfassenden Gleichheit entziehen. In der Projektion wird nicht zuletzt das verfolgt, was das Subjekt als seine Natur verdrängt hat: das Leben ohne Arbeit und Mühe, die Ungebundenheit, die sexuelle Befriedigung, die Möglichkeit auf Glück. Das Massaker in den USA ist das grauenhafte Resultat dieser Projektion. Wer darin die Quittung für Vietnam, Nicaragua, Kolumbien und andere Verbrehen des US-amerikanischen Staates erkennt, wird Pol Pot wohl für die Antwort auf Hunger und Analphabetismus in Kambodscha halten.
    Das von den Islamisten aller Länder, den Kriegern für die Befreiung diverser Völker (UCK, PLO, Antiimps), linksalternativen vegetarischen Würstchenbratern, Globalisierungsgegnern, PDS-Sozis (aber auch von welchen, die es besser wissen könnten wie Antifas und Kommunisten), das von diesen Leuten propagierte einfache gerechte Leben, das die kapitalistische Verheerung in ihrer widerlichsten Form zu verewigen trachtet, beseitigt jede Möglichkeit auf Befreiung von der komplett verrückten bürgerlichen Vergesellschaftung. Es ist das Ende jeder Hoffnung auf Glück und Emanzipation. Es ist die Gerechtigkeit in der Gleichheit der rasenden Unbefriedigten, die sich nur in totaler Vernichtung bahnbrechen kann.
    Dass in der jetzigen Situation die Objekte der wahnhaften Projektion (USA, Israel) nicht hilflos sind, sondern in der Lage, sich zu verteidigen, scheint so manchen Linken in Wut zu bringen. Selbstverständlich muss ich bekennen, dass ich froh darum bin.

    Zivilisation und Dialektik der Aufklärung

    Zu sprechen von den Möglichkeiten der Emanzipation, heißt sprechen von den Möglichkeiten, die sich mit Aufklärung und Zivilisation eröffneten. Vermeintlich sollte Linken zumindest etwas von diesem Zusammenhang klar sein, bildet er doch nicht etwas nur die Vorsaussetzung des Denkens der vielgeschmähten Kritischen Theorie, sondern ist eine nicht hintergehbare Notwendigkeit der Marxschen Revolutionstheorie. Wenn man auf der großen Berliner Friedensdemo Transparente wie "Zivilisation ist Völkermord" lesen muss, dann wird man aber nicht umhin kommen, auch hierzu einige Bemerkungen zu machen - freilich erst nachdem einem der Kaffee hochgekommen ist.
    Mit den Twin-Towers wurden auch Symbole der Befreiung des Menschen aus der Naturabhängigkeit zerstört. Wer diese gar nicht genug zu lobende Errungenschaft der Aufklärung (Kant forderte den "Ausgang des Menschen aus seiner selbstver- schuldeten Unmündigkeit") einfach so hinwegfegt, hat sich von jedem Gedanken an Befreiung verabschiedet. Erst die Zivilisation hat das Versprechen und die Möglichkeit von Individualität in die Welt gebracht, brachte den Menschen als Menschen im Unterschied zur naturabhängigen Kreatur erst hervor. Kommunismus ist noch immer das Beharren auf der Erfüllung der Versprechen der Aufklärung.
    Die fatale Dialektik, dass die Aufklärung in ihrer gesellschaftlichen Verlaufsform, in der Herrschaft des Kapitals, sich selbst zu dementieren droht, indem die Menschen in eine quasi-natürliche Abhängigkeit ihrer eigenen Gesellschaftlichkeit geraten (Marx spricht vom Kapital als "zweiter Natur") kann als Ergebnis nicht bedeuten, die Aufklärung und die Zivilisation undialektisch abschaffen zu wollen. Die völkische Revolution, auf die die Islamisten aus sind, ist der blindwütige Vollzug der Abhängigkeit von der zweiten Natur, die als historisch entstandene und gesellschaftlich konstituierte nicht mehr wahrge- nommen wird. Dieser völkische Wahn ist also zweifellos das fatale Ergebnis kapitalistischer Zivilisation und auch als solches anzugreifen. Allerdings wird man als Kommunist nicht umhin kommen, die Zivilisation um ihrer Aufhebung willen vor ihren eigenen Ergebnissen zu verteidigen.

    Deutschland und die Realpolitik

    Zum Abschluss noch einige Gedanken zur neuen Gretchenfrage "Wie hältst du's mit dem Bundeswehr- einsatz?":
    Seit der Wiedererlangung der vollen Souveränität hat sich Deutschland als "Großer Bruder" der weltweiten völkischen Bewegungen angedient. Dies bildet den Kern deutscher Außenpolitik, die sich zumeist nur noch als "Menschenrechtspolitik" tituliert. Die Forderung nach Minderheitenrechten, die "Kulturförderung" genannte Pflege von merkwür- digsten Folkloregruppen (hier ist etwa Tibet zu nennen) und ähnliche Anstrengungen sind die konkreten Ausprägungen dieser Politik. Um diese Ziele aber ganz und gar eigenständig (bzw. als Führungsmacht der EU) verfolgen zu können - denn soweit sind sie noch nicht - müssen sie ersteinmal mitmachen dürfen. Deswegen hat sich Schröder der Anti-Terror-Allianz auch so hartnäckig aufgezwungen. (Wenn man sich anguckt, was in der Allianz sonst noch für gruselige Staaten vertreten sind, kommt man auch zu dem Eindruck, dass Deutschland da rein passt wie der Arsch auf den Eimer.)
    Die Beteiligung am Krieg gegen die Taliban und al-Qaida bedeutet keine Änderung der deutschen Politik, sie nur Ausdruck deutscher Realpolitik. al-Quaida und die Taliban haben sich einfach mit ihrem Übers-Ziel-Hinausschießen komplett diskreditiert. Zum Glück. Und der Druck der USA hat hierzu ein übriges getan.
    Es wird sich aber nichts daran ändern, dass Deutschland sich der Internationalen der Antisemiten/Antiimperialisten auch in Zukunft und noch verstärkt als "ehrlicher Makler" der Interessen der "unterdrückten Völker" anbietet. Der Jugoslawien-Krieg hat gezeigt, dass man das durchaus auch mit militärischen Mitteln zu tun bereit ist.
    Einen Bundeswehr-Einsatz zu unterstützen, würde also auf lange Sicht einen der gefährlichsten Gegner stärken im Kampf, den es zu führen gilt: Den Kampf gegen den Ansturm der Völker. (a.hennecke)

    (Referat, OKF-Süd-Veranstaltung, 8.12.2001, Nürnberg)

 

 

home
    D
    E
    B
    A
    T
    T
    E