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Bulletin Nr.2 November 2001

Moderne Barbarei der imperialistischen Epoche

    Das 20. Jahrhundert ist das imperialistische Jahrhundert des langen Krieges, der zivilisierten Barbarei, gewesen, die der Kapitalismus in jedem Teil des Globus entwickelt hat und hier hat er nebenbei im Krieg und im Genozid Dutzende Millionen Tote angehäuft. Demokratische, nationalistische, faschistische, nazistische, religiöse oder stalinistische Ideologien haben die Werktätigen gespalten und sie ins Massaker getrieben. Das neue Jahrhundert fährt unter demselben Vorzeichen fort. Ein terroristischer Splitter der Bourgeoisie des Mittleren Ostens hat New York heimgesucht. Bei starkem Rückgang des weltweiten Wachstumszyklus erschlaffen an den Börsen die Blasen des fiktiven Kapitals. Das Feuer der Krise stellt die Europäische Zentralbank (EZB) auf die Probe. Das, was sich ankündigt, ist jedoch eine Koalition und kein Konflikt zwischen den wichtigsten Mächten. In dem Kriegsbündnis gibt es jene, die darin die Andeutung der zukünftigen Weltordnung sehen: Es wird der Krieg des multipolaren Konzertes der Mächte. Dies ist der Moment des internationalistischen Engagements.

    Am 11. September ist mit dem terroristischen Angriff auf die Twin Towers von Manhattan der "Eindruck der zukünftigen Unsicherheit" live in die Wohnungen der ganzen Welt gelangt. Diese Betrachtung stammt von Gaetano Quagliarello von der LUISS Rom. Die Illusion "unendlicher Fortschritte" wankte angesichts der "Dramatik" des unerwarteten, barbarischen Events. Quagliarello erinnert an Stefan Zweig. In seinem autobiographischen Buch rekonstruiert der die Zeit der Belle Epoche, "des goldenen Zeitalters der Sicherheit" und des Zerbröckelns der "Gewissheiten des Westens" im August 1914. Man kann von dem Wiener Polemiker nicht verlangen, Empfindungen und Leidenschaften zu handhaben und die Zeiten der imperialistischen Epoche insgesamt zu erfassen. Dies ist die Aufgabe der marxistischen Wissenschaft. Im Strudel der Leidenschaften, die die Ereignisse entfesseln, muss sie die objektiven Tendenzen erfassen, egal hinter welcher Maske sie sich verstecken. Der Einsturz der Twin Towers "schließt" nicht "eine Epoche ab". Tatsächlich kündigt er eine Koalition an und keinen Krieg zwischen den wichtigsten Mächten. In der Epoche des Imperialismus zeigt das Kartell der Mächte des Freihandels, dass es noch Karten zur Verfügung hat, auch wenn die Unsicherheit die Perspektiven des Zyklusses verschlechtert.

    Manhattan eine Lieblingstochter dieser Epoche und heute durch die Zusammenballung des "Maximums archaischer Wut mit dem Maximum an Technologie des neuen Jahrhunderts" "vergewaltigte Tochter" -entfesselt Emotionen und Leidenschaften. Der Event selbst erzeugt sie mit seiner Außergewöhnlichkeit, mit seiner Unvorhersehbarkeit.

    Von diesem Gesichtspunkt aus hat ein solcher Strudel der Sozialpsychologien historische Vorläufer und nimmt zukünftige Dynamiken vorweg.

    Werktätige der Welt unter den Trümmern

    Alle sozialen Schichten New Yorks beweinen ihre Toten: vom Manager bis zum Broker, vom Angestellten bis zum Techniker, vom Facharbeiter bis zum Hilfsarbeiter. Der Letzte auf der sozialen Stufenleiter ist der illegale Einwanderer, der dazu verdammt ist, ein "Gespenst" ohne Namen unter den Trümmern der Metropole zu sein. Eine Arbeitswelt, die die Summe von in über 40 verschiedenen Ländern und auf allen Kontinenten Geborenen ist, hat die Aktion des außer Kontrolle geratenen Splitters der gegen Amerika gerichteten terroristischen Offensive mit dem Leben bezahlt. Werktätige der Welt: vom Internationalen wird nur ihr tragisches Schicksal bleiben, während die Lebenden erleben werden, wie sich ihre nationalistischen Gefühle verstärken.

    Das ist die Frucht der "Barbarei" die von "Verrückten und Eseln" - wie Marx sie nannte -entfesselt wurde, einem Schrott aus der Geschichte des Mittleren Ostens, der in den Ideen und den Aktionen reaktionär ist. Politischen und natürlichen Kindern der mit Geld und politischer Machtlosigkeit vollgestopften arabischen Bourgeoisie. Kindern des Traumes von einer arabischen Einigung und der Unfähigkeit sie zu verwirklichen. Vom russischen Desaster in Kabul getäuschten und vom waghalsigen irakischen Angriff auf Kuwait überwältigten Handlangern. Kindern der historischen Unfähigkeit der arabischen Bourgeoisie einen jakobinischen Krieg zu konzipieren, die sie sind, suchen sie Zuflucht in der Illusion des "heiligen Krieges". Mit diesem geistigen Erbe sind sie in das Jahrhundert des Imperialismus eingetreten und haben hier neue Nahrung gefunden. Der Imperialismus, schreibt Lenin, "spekuliert" mit jahrhundertealter Meisterschaft "auf die Prinzipien der Nationalität".

    Zivilisierte Barbarei

    Die "Verrückten und Esel" sind, in dem Anteil, der in der - auch darin völlig globalisierten -arabischen Bourgeoisie erzeugt werden musste, von ihrer reaktionären Ideologie vernebelt, setzen beendete oder Kriege fort, die Fehlgeburten waren und können künftige Kriege vorwegnehmen. In diesem Sinne fügt sich die Barbarei, die sie verbreiten, mit vollem Recht in die Barbarei des Jahrhunderts des Imperialismus, in die zivilisierte Barbarei, ein.

    Rosa Luxemburg schreibt im Feuer des 1 Weltkrieges am 26. Februar 1916: "Friedrich Engels sagte einmal: Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma - entweder Fortschritt hin zum Sozialismus oder Rückschritt in die Barbarei. Was bedeutet 'Rückschritt in die Barbarei' beim dem jetzt von unserer europäischen Gesellschaft erreichten Grad? <~..> Ein Blick hinter uns zeigt uns in diesem Augenblick, was Rückschritt der bürgerlichen Gesellschaft in die Barbarei bedeutet."

    Der Blick zurück zeigte die Barbarei des Weltkrieges. Von den Schützengräben habe sie sich in die Städte ausgedehnt bis dahin, dass sie Rosa Luxemburg selbst erfasst. Lenin erinnert auf dem 1. Kongress der Kommunistischen Internationale an die Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs. Das ist eine Tatsache von "welthistorischer Bedeutung", weil die "besten Elemente" des kommunistischen Proletariats gefallen sind, weil "ein fortgeschrittener europäischer Staat - und man kann ohne Übertreibung sagen: ein auf Weltebene fortgeschrittener Staat" - seine Natur entblößt hat.

    Der Schoß eines "auf Weltebene fortgeschrittenen Staates" gebar Auschwitz. Der Schoß einer auf Weltebene fortgeschrittenen Demokratie brachte Hiroshima hervor. Der Schoß eines für Sozialismus ausgegebenen Staatskapitalismus in einem Land schuf die Gulags.

    Joseph A. Schumpeter bestreitet in seinem Aufsatz "Soziologie des Imperialismus", dass die Barbarei das Kind der Zivilität ist. Seine Thesen sind - bewusst oder unbewusst - von Politikern und Essayisten benutzt worden, die sich heute weigern die Entstehung des Terrorismus aus dem Mittleren Osten mit dem fruchtbaren Schoß des Jahrhunderts des Imperialismus in Verbindung zu bringen. Schumpeter ist der Theoretiker des Atavismus1. Das Von weit zurückliegenden Epochen Überlebende" (die Ideologien und die Traditionen, die von diesen herrühren) spielt in jeder konkreten sozialen Situation weiterhin eine wichtige Rolle. Eroberungskriege und politische "Abenteuer" sind "destruktiv", sind für die normalen Aktivitäten des gesellschaftlichen Lebens "Abweichungen". Sie sind deshalb der Kultur einer "rein kapitalistischen" Welt fremd. Wenn sie sich durchsetzen, dann aufgrund des Gewichtes, das der Atavismus spielt und heute präsentiert sich nichts als atavistischer als der Islam und die Rituale der islamischen Gesellschaft, die die Medien in die Wohnungen der ganzen Welt bringen.

    Die These von der Barbarei als Kind des Atavismus folgt heute einer Skala von Abstufungen. Auf der höchsten Stufe steht die Verurteilung des Islam als Ideologie, die zwischen Politik und Religion nicht zu unterscheiden weiß. Aus diesem Bündnis würde laut Josef Joffe "die Erbarmungslosigkeit von Gläubigen" entstehen, "die nichts anderes akzeptieren als ihren Gott. Aber vor allem tolerieren sie keine westliche Zivilisation, bei der man annimmt, dass sie nur einem Gott huldigt: dem Mammon." Der Auffassung des Vatikans zufolge, die jedoch die Unabwendbarkeit eines "Zivilisationskonfliktes" beanstandet, ist die vom Islam verneinte Unterscheidung zwischen "Glauben und Gesetz" das Wesen Europas.

    Auf einer niedrigen Stufe stellt man die These über die "Zwiespältigkeit" des Islam auf, der "sich von einem bestimmten Moment an von der Modernität getrennt hat oder davon an den Rand zurückgedrängt worden ist".

    Sophisten2 für neue Schützengräben

    Im sozialdemokratischen und im Bereich anderer katholischer Strömungen werden die Thesen angefochten. Der terroristische Angriff wird einer Art Vorhölle zugeordnet, die außerhalb der säkularen Ideologien und außerhalb der von der Epoche des Imperialismus produzierten Widersprüche steht.

    Franco Cardini verteidigt in einem Editorial im "Awenire" den Islam, der im 12. und 13.Jahrhundert dazu beigetragen hat, "uns die Begründung der Modeme zu erlauben". Er wettert gegen jene Analytiker und Kommentatoren, die in den Medien starkes Gehör finden und dazu beitragen den Anschlag auf die Twin Towers und das Pentagon als "eine Stammesauseinandersetzung" zwischen Zivilität und Fanatismus zu sehen. Für (den christdemokratischen italienischen Zentralbankchef /d.Ü.) Antonio Fazio hat man in New York einen "schrecklichen Kriegsakt" begangen, der "vom Terrorismus gegen unschuldige Opfer" ausgeführt wurde, aber -warnt er - "es gibt keine Orte in denen Christus nicht erschienen ist". Die Aufgabe besteht darin, "die Entfaltung des freien Willens" zu korrigieren, indem man ihn auf die "Formierung einer Globalisierung der Solidarität" richtet. D'Alema3 bezeichnet den Anschlag als einen terroristischen Akt und nicht als einen Krieg. Der Kampf muss derjenige "der Humanität gegen die Barbarei" sein und die Barbarei liegt für ihn in der Unfähigkeit, die Schaffung jener Weltordnung zu begreifen und in die Wege zu leiten, die in der Lage ist, auch den Letzten die Wohltaten zuteil werden zu lassen. Deshalb, mahnt D'Alema, "ist die Sicherheit nicht teilbar". Katholiken und Sozialdemokraten laufen den Trugschlüssen und Täuschungsmanövern Schumpeters nach, dass die Politik den Imperialismus von jedem Atavismus befreien kann - auch von jenem modernen, nicht personifizierten Atavismus, den das einheitliche Denken darstellt, das die Letzten ausschließt. Der darauf folgende Schritt ist der Antiamerikanismus im Reinzustand. Für einen Einbahnstraßen-Antiimperialismus, der die Existenz der arabischen Bourgeoisien und des europäischen Imperialismus ignoriert, würden die USA die Früchte des Hasses ernten, die sie in der Welt gesät haben.

    In letzter Konsequenz entdeckt die Ideologie unter dem Staub des barbarischen Events die alten Sophismen und flüchtet sich in einem überholten Unilateralismus, der unfähig ist den Imperialismus als ein einheitliches Phänomen in seinen vielfältigen Widersprüchen aufzufassen und darzustellen, aber immer bereit einen imperialistischen Schützengraben zu wählen, in den er sich begibt. Die Verurteilung - das Feigenblatt der Moral - ist die spießbürgerliche Art und Weise, um vor dem politischen Problem zu flüchten: Wer nährt die Barbarei und wie bekämpft man sie?

    Rosa Luxemburg hat an den Weg erinnert, der begangen werden muss, der lang und schwierig, aber ohne Alternative ist. Es ist die Humanität der Epoche des Imperialismus, die in ihren Eingeweiden den Keim der Barbarei trägt, die alles aufliest und sehr oft, wie der Zauberlehrling, nicht mehr weiß, wie die Geister, die sie ruft, zu beherrschen sind - tragen sie nun Turban oder Aktenkoffer. Manhattan hat ein Proletariat aus über 40 Ländern versammelt. Die Arbeit vereinte sie und nichts anderes. Das Schicksal wollte es, dass sie auch ein tragisches Ende vereinte. Die Geschichte kann ein neues Kapitel aufschlagen, wenn das Leben Ebenso viele in einer gemeinsamen Emanzipationsidee vereint.

    (Übersetzt aus "lotta comunista" Nr. 373, September 2001)


    1 Als Atavismus bezeichnet man entwicklungsgeschichtlich als überholt geltende, aber unvermittelt wieder auftretende Phänomene.

    2 Sophisten sind Haarspalter und Wortverdreher, die einen Scheinbeweis bzw. Trugschluss in bewusster Täuschungsabsicht des Publikums führen.

    3 Der ehemalige Linksdemokraten - DS Parteichef und bis April 2000 amtierende italienische Ministerpräsident.

 

 

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